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Das Kriegsende und das Soldatengrab in Datterode

Das Kriegsende in Datterode – Die Amerikaner kommen
von Karl Beck

Nicht alle Bauern konnten 1945 ihre Rösser im Märzen anspannen... wie es in dem schönen Volkslied heißt. Wieder war es Frühling und noch immer Krieg, das bedeutete überall Mangel und Not! Seit Monaten wurde schon im Osten auf deutschem Boden gekämpft, im Februar 1945 überschritten im Westen die Alliierten die Reichsgrenze! Treibstoffmangel war ein großes Problem an der Front. So kam es, dass die besten Pferde der Landwirte im Ringgau noch beschlagnahmt wurden. Am 3. Februar 1945 mussten in Datterode der sechsjährige Hektor des Bauern Reinhard Wieditz aus der Hintergasse und der achtjährige Franz aus dem Stall von Heinrich Munk an der Landstraße nach Reichensachsen gebracht werden. Es begann ein Fußmarsch für Mensch und Tier in Richtung Niedersachsen. Bereits im Raum Göttingen wurde die Gruppe von Tieffliegern angegriffen!

Nicht nur die Pferde, sondern auch 16jährige Jungen aus Datterode und den Nachbardörfern bekamen noch ihren Marschbefehl! Der Volkssturm wurde organisiert und es wurden vom Ortsausgang entlang der Straße in Richtung Hoheneiche Panzerdeckungslöcher ausgehoben. Der Februar 1945 brachte den Krieg nun auch über unser Kreisgebiet. Gleisanlagen und Bahnhöfe wurden bombardiert. Nicht enden wollende Bomberverbände überflogen dröhnend unser Dorf und brachten ihre tödliche Fracht über viele Großstädte und löschten unzählige Menschenleben aus. Viele erinnern sich noch an den Abend des 13. Februar, als Dresden in Schutt und Asche gebombt wurde.

Anfang März war das Leben im Dorf noch verhältnismäßig ruhig, aber bald wurde es mit dem Näherrücken der Front unsicher. Vor allem die Angriffe der Jagdbomber auf die Bahnhöfe und Gleisanlagen der Umgebung waren auch für die auf den Feldern beschäftigten Menschen eine tägliche Bedrohung. Anna Hartmann erinnerte sich noch an eine Attacke von Tieffliegern, die den Bahnhof Hoheneiche angriffen und dann über den Kuchenberg jagten, wo man sich in panischer Angst unter Büschen oder unter einem Wagen in Deckung bringen musste! Ostersamstag, der 31. März, ist Margret Beck noch in Erinnerung. Silbern blitzten die schnellen Flugzeuge in der Ferne am Himmel. Alle, die unterwegs mit Vieh und Wagen waren, versuchten möglichst schnell nach Hause zu kommen. Als die Flieger gefährlich tief und nahe herangeflogen kamen, hielt man Tier und Wagen an, suchte Schutz hinter den Bäumen oder im Straßengraben. Wenn die Gefahr vorbei schien, eilte man weiter. Gerade hatte ihr Vater den Stall erreicht, als ihm die Tür durch eine starke Druckwelle aus der Hand gerissen wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatten die feindlichen Jagdbomber einen Munitionszug unweit des Bahnhofs Waldkappel in die Luft gejagt! Auch Walter Dilling aus Weißenborn erinnert sich noch gut an den Ostersamstag 1945. Von der feindlichen Luftaufklärung waren die Schlupfwinkel der Gauleitung Kassel ausgemacht worden. Ihre Fahrzeuge standen zwischen und auf einzelnen Höfen. Auf einem der Busse, so erinnert sich Walter Dilling, stand die Aufschrift Ordensburg/Vogelsang (Eifel). Ein regelrechtes Osterfeuer erlebte nun sein Dorf! Am Nachmittag des 31. März gegen 15.30 Uhr erfolgte der Angriff. Die ersten Flieger warfen gefüllte Benzinkanister auf die Fahrzeuge, die dann von der zweiten Gruppe der Angreifer in Brand geschossen wurden. Im Nu standen die Fahrzeuge und mit ihnen 34 Gebäude in Flammen. Menschen kamen zum Glück nicht um, aber der materielle Schaden war groß. So rückte das Kriegsgeschehen unaufhaltsam näher.

Über Ostern herrschte in Datterode ein hektisches Durcheinander. Zeitweise glich der Ort einem großen Heerlager mit Fahrzeugen, Pferdegespannen, Soldaten, auch weiblichen Wehrmachtsangehörigen. Karl Wieditz erinnert sich daran, dass Uniformen gegen Zivilsachen getauscht wurden, Rang- und Hoheitsabzeichen abgetrennt. Einige Offiziere verbrannten sogar in der Untermühle am Holzgatter ihre Uniformen. Ein Gespannführer tauschte sein wundgescheuertes Pferd gegen die einäugige Lotte vom Bauern Heinrich Gier! Wieder ein anderer wollte seine beiden Pferde gegen ein Fahrrad eintauschen. Wagen und Kutschen blieben im Dorf zurück, und einige herrenlose Pferde liefen in der Flur umher!

In dieses Durcheinander kam dann die Nachricht, dass die beiden Polizeibekleidungslager in der Turnhalle und im Wirtschaftsgebäude (Silo) der Dorothea Fuchs, heute Gaststätte „Biereck“, nicht mehr bewacht würden, da sich das Wachpersonal abgesetzt hatte. Alles, was seit Jahren nicht mehr zu kaufen war, lagerte hier in Unmengen! Polizeiuniformen, Mäntel, Schuhe, Stiefel, Unterwäsche, Strümpfe, viele Dinge aus guter Wolle, Decken und vieles mehr! Ungeachtet aller Gefahren schleppten die Menschen nach Hause, was immer ihnen in die Hände viel. Auch wurde ein großer Teil der Bestände von Bewohnern der Nachbargemeinden mit Handwagen abtransportiert. Alles fand in den folgenden Jahren Verwendung: umgearbeitet, gefärbt, aufgetrennt und neu gestrickt, entstanden neue Kleidungsstücke, schöne Pullover und Strümpfe! Außerdem waren die Sachen die besten Tauschobjekte jener Zeit, in der es an allem fehlte! Noch viele Jahre nach dem Krieg trugen die Leute im Ringgau die Kleidungsstücke "aus der Turnhalle". In den Wirren dieser Ostertage erreichte Datterode am 01. April 45 ein illegaler Anruf vom Fernamt Eisenach, der beinahe als Aprilscherz aufgefasst wurde. Die Amerikaner seien bereits in Bad Hersfeld, hieß es. Und mit den Worten: "Ich erzähle keine Märchen, packt eure Sachen" brach die Verbindung ab. Bürgermeister und Posthalter wurden informiert, und die Nachricht ging wie ein Lauffeuer durch das Dorf! Wie wir von Anna Hartmann wissen, haben am 2. Ostertag einige Dorfbewohner versucht, sich mit ihrer wichtigsten Habe auf Wagen und in Handkarren in den umliegenden Wäldern in Sicherheit zu bringen. Alles blieb aber ruhig, es lag eine ungewohnte Spannung über dem Land. Vor Anbruch der Dunkelheit kehrten deshalb alle wieder in ihre Häuser zurück.

Dass bereits am 1. Ostertag amerikanische Panzer von Hersfeld über die Autobahn in den Raum Altefeld und bis zum Ortsrand von Netra vorgestoßen waren, wusste man in Datterode noch nicht! Ein Teil der Panzer fuhr über Lüderbach, Ifta in Richtung Creuzburg, dort kam es zu schweren Kampfhandlungen mit dem Ergebnis, dass Creuzburg in Flammen aufging. Zu dieser Zeit wurden einige 16jährige Jungen aus Netra zum „Volkssturm“ über Eschwege nach Heiligenstadt ins Eichsfeld beordert.  Reinhold Eisenträger erinnert sich: Durch die Schilderung einiger Arbeitsdienstmänner (Jungen!) aus Berlin, die heim zu Muttern wollten und einige Tage zuvor mit knapper Not einem amerikanischen Panzerangriff entkommen waren, entschlossen sich die Jugendlichen, dem Kommando von Fritz Herger zu folgen, der ihnen zurief: "Hatts denn gehorrt, jez getts heim!" Und so ging es über Großtöpfern, Frieda, Aue durch den Schlierbach in Richtung Heimat. Ehe die Panzer vom Altefeld kommend nach Netra hineinfuhren, gaben sie einige Warnschüsse in das Dorf ab. Dabei wurde ein 62jähriger Mann durch einen Granatsplitter tödlich verletzt, der sich auf einem Hof in der Lindengasse (Homeier) aufgehalten hatte.

Um diese Zeit lag eine deutsche Infanterieeinheit in der Nähe der Kreuzung B7/27 (Otterbrücke) am Heuberg in Stellung. Späher dieser Einheit hatten gegen 23 Uhr die amerikanischen Panzer am westlichen Ortseingang von Netra ausgemacht. Auf dem Rückweg zu ihrer Einheit teilte einer der Späher den an der Engen Gasse in Datterode stehenden Männern seine Entdeckung mit. Karl Wieditz erinnert sich noch der Worte: „Es hat keinen Zweck mehr!". Der Offizier der Einheit war der gleichen Ansicht, ließ die zwei Schützenpanzer sprengen und teilte seinen Männern mit, dass jeder Widerstand zwecklos sei. Währenddessen standen noch immer Adam Ronshausen und Karl Wieditz an der Engen Gasse, in der Hoffnung, dass das Pferdegespann von Adam Ronshausen  und Reinhard Wieditz (Obermühle) wieder  zurückkommen würden. Die beiden Gespanne waren am Morgen dieses Tages mit dem Wagen und  ihren Führern Luzian, einem Polen, und Andre, einem Russen von einer Waffen-SS-Einheit beschlagnahmt und mit Kriegsgerät beladen in Richtung Mühlhausen in Marsch gesetzt worden. Karl Wieditz erinnert sich: „Plötzlich hörten wir Hufschlag in der Ferne, der bald näher kam.“ Die Gespanne trafen wohlbehalten mit den beiden Gespannführern Luzian und André ein. Luzian der Pole berichtete, wie sie in einem unbewachten Augenblick die Fahrzeuge in Diedorf bei Mühlhausen entluden und sich dann unbemerkt wieder auf den Heimweg machten. Es war erstaunlich, dass diese beiden Zwangsarbeiter, ungeachtet der großen Gefahr, der sie sich aussetzten, den Eigentümern Pferde und Wagen wieder  zurückbrachten!

Für Aufregung sorgte am Ostersamstag die Benachrichtigung durch den Ortsdiener, der im Auftrag der HJ-Führung den Jungen der Jahrgänge 29/30 mitteilte, sie hätten sich am nächsten Morgen abmarschbereit auf dem Anger einzufinden. Die Drohung, wer dieser Aufforderung nicht nachkommt, wird erschossen, erschreckte die Eltern. Dem beherzten Eingreifen  einer Mutter ist es zu verdanken, dass den Datteröder Jungen ein ähnliches Schicksal von vielen 15- und 16jährigen aus dem Kreisgebiet erspart blieb. Fritz Wieditz erinnert sich noch genau an die Worte seiner Mutter: " Die bliem daheim, wennse se erscheeße wonn, denn sunse dos uff`m Anger mache, denn wiss´me wennichstens, wu se lichen." Sie bleiben alle zu Hause.

Fritz Wieditz hatte sich hoch oben in ihrer Scheune postiert, und er erinnert sich genau, dass am 3. April gegen 9.30 Uhr fernes Motorengeräusch das Heranrollen der Panzer ankündigte. Am Schottlingsberg kam der erste in Sicht. Weitere folgten in kurzen Abständen. Am Ortsrand ließ der Führungspanzer den Verband auffahren. Nach kurzer Sicherungspause fuhren dann die Panzer ins Dorf. Alles blieb ruhig, manche Bewohner gingen in den Keller ihres Hauses, andere standen am Fenster oder in der Haustür, vor allem die Kinder hielten sich unbefangen auf den Höfen oder der Straße auf. Kurios muss es den Amerikanern erschienen sein, als der schwer kriegsbeschädigte Angesellte der Konsumgeschäftsstelle (heute Bäckerei) Peter Fischer, der im Russlandkrieg ein Bein vorlor, auf einem Bein vor der Ladentür stand. An einer Hand hielt er einen 5jährigen Jungen (Walter Ritz) und mit der anderen stützte er sich auf seiner Krücke ab.

Um diese Zeit hatten bereits viele Soldaten, die sich bis dahin im Dorf aufhielten, die Deckung der Häuser verlassen, um im nahen Wald erst einmal der Gefangennahme zu entgehen. Vielleicht konnte man sich nach Hause durchschlagen! Auf dem Hof von Katherina Sippel in der Hintergasse bat ein Soldat um Zivilkleidung. In der Arbeitskleidung des verstorbenen Ehemannes beschäftigte er sich dann auf dem Hof mit Holzhacken und -sägen. Als sich die Lage beruhigt hatte, machte er sich als Zivilist auf den Heimweg.

 

Das Soldatengrab auf dem Friedhof
Nicht alle Soldaten erreichten den schützenden Wald. Für zwei von ihnen wurde dieser Versuch zum Verhängnis. Sie wurden von den auf der Reichsstraße 7 rollenden Panzerfahrern entdeckt, als sie auf gleicher Höhe, oberhalb der Untermühle hinter dem Gartenzaun waren. Doch ehe sie die dicke Buche und den danebenliegenden Holzstapel als einzige Deckung im Umkreis erreichen konnten, stoppte der 6. oder 7. Panzer auf der Hauptstraße vor dem Haus Küch/Sippel. Der Kommandant hatte die flüchtenden Soldaten ausgemacht und brachte sofort das SMG in Anschlag, Eobald Küch, der dies am Fenster beobachtete, sagte noch: "Jez passiert woos!" Und schon fetzte eine MG-Garbe über das Dorf. Marie Sippel erinnert sich noch genau der Worte ihres Großvaters. Sie konnte sehen, wie das aufgeschichtete Brennholz durcheinander flog und einer der Flüchtenden noch versuchte, den dicken Stamm  der Buche als Deckung zu erreichen. Buchstäblich im Sprung in der Luft getroffen, fiel er zu Boden. "Abgeschossen wie`n Hoose", sagte sie. Auch der zweite erreichte keine Deckung mehr, schwer verletzt schleppte er sich zurück an den Gartenzaun, wo er kurz darauf seinen Verletzungen erlag. Mit einem weißen Tuch in der Hand starb er, ohne dass ihm jemand hätte helfen können. Vor Anbruch der Dunkelheit wurden die beiden Deutschen unter der Aufsicht der Amerikaner vom Bürgermeister Jakob Holzberger, dem Ortsdiener Franz Rödiger und Walter Grede in Zeltplanen gelegt und ins Spritzenhaus gebracht. Zwei Tage später wurden sie mit Erlaubnis der Amerikaner auf dem hiesigen Friedhof begraben. Für sie war in Datterode nicht nur der Krieg, sondern auch ihr Leben zu Ende.

Obwohl die Amerikaner unser Dorf schon einige Tage besetzt hatten, glaubten immer noch einige, nicht zuletzt durch die Propaganda von Wunderwaffen, an eine Wende. Zum  Beispiel äußerten ältere Männer: "De Ammis weren wedder zereckgeschlön". Frauen im mittleren Alter waren der Meinung: "Es kimmt nach woss!" Die 10jährigen, die als Pimpfe gerade in das deutsche Jungvolk aufgenommen worden waren, bedauerten,  dass sie nun nicht mehr marschieren konnten.

Zu allem Überfluss hing auch noch die Hakenkreuzfahne am Kirchturm, während die ersten
amerikanischen Panzer durch unser Dorf rollten. Wahrscheinlich war sie bei der letzten Beflaggung der öffentlichen Gebäude - dazu zählte auch die Kirche - am 30. Januar, Tag der Machtübernahme - so unglücklich an die Wand gelehnt worden, dass sie durch die Erschütterung der vorbeifahrenden Panzer zur Seite rutschte und in das Turmloch fiel. Weil die Fahnenstange am unteren Ende mit einem Seil am Boden des Glockenturmes befestigt war, konnte sie nicht vom Turm herunterfallen. Ein Glück, dass das alte Schulgebäude die Sicht von der Hauptstraße auf den Kirchturm verdeckte! Wilhelm Wolf vom Kirchrain, der bereits vor Eintreffen der Amerikaner zu Hause war, erkannte die Gefahr und entfernte ohne Zögern die Fahne vom Kirchturm. Dass die Amerikaner bei Entdeckung der Fahne nicht gezögert hätten, die Kirche unter Beschuss zu nehmen, zeigt folgende Begebenheit: Elisabeth Lange erinnert sich an den 6. April auf dem Fernamt Eisenach: Alles ist still, plötzlich Schritte auf der Treppe. Dann flog die Pendeltür auf. Schüsse krachten. Glas splitterte und das Hitler-Bild fiel krachend zu Boden. Mit eingezogenen Köpfen saßen die Telefonistinnen vor ihrem Klappenschrank. Dann lautes Lachen und in gebrochenem Deutsch der Satz: "Nix Angst, Frolleins - jetzt alles vorbei!"

Vier Wochen später war zwar der Krieg zu Ende, aber für viele noch lange nicht alles vorbei! Für viele Millionen begann nun erst ein langer Leidensweg durch die Vertreibung und in die Gefangenschaft, aus der Millionen nicht heimkehrten. Auch die Angehörigen der zwei in Datterode gefallenen Soldaten warteten vergeblich auf deren Heimkehr. Einer von ihnen, dessen Eltern durch Bürgermeister J. Holzberger benachrichtigt werden konnten, kam auf ganz ungewöhnliche Weise nach Hause! Erst fast ein Vierteljahr nach Kriegsende war es den Eltern eines Gefallenen möglich, trotz schwieriger Verkehrverhältnisse aus Mülheim/Ruhr (oder auch Münster/Westfalen) nach Datterode zu kommen. Sie wollten sich für die Benachrichtigung und Beerdigung ihres Sohnes bedanken. Sie äußerten den Wunsch, ihren Sohn in die Heimat überführen zu lassen. Doch sei bis jetzt jeder Versuch, ein Fahrzeug oder Treibstoff zu organisieren, erfolglos gewesen.

Davon hörte Walter Grede, der nach der Zerstörung von Kassel in Datterode eine zweite Heimat gefunden hatte. Er war ein "Hansdampf" in allen Gassen! In den letzten Kriegstagen hatte er sich zwei herrenlose Russenpferde (Ponys) organisiert, mit deren Hilfe er Fuhren aller Art unternahm. Er erklärte sich sofort bereit, die Überführung mit Pferd und Wagen zu unternehmen. Was für ein Vorhaben aus heutiger Sicht! Mit dem Totengräber Rödiger zusammen übernahm er selbstverständlich auch die Ausgrabung. In einem Sarg der Schreinerei Holzberger und auf deren Rollwagen wurde die ungewöhnliche Fracht mit einer Zeltplane und einem Stahlhelm gekennzeichnet. Ende Juli 1945 um 4 Uhr morgens ging es auf Nebenstraßen über Spangenberg in Richtung Ruhrgebiet! Harry Grede, der seinen Vater begleitete, erinnert sich noch heute der Situation beim Übergang von der amerikanischen in die britische Besatzungszone bei Paderborn. Die Engländer salutierten und ließen sie ohne Schwierigkeiten mit der traurigen Fracht passieren. Nach vier Wochen kehrten Vater und Sohn nach Datterode zurück. So manche unangenehme Situation hat Walter Grede während dieser Reise auf die ihm eigene schnoddrige Art gemeistert! 3 Jahre später, im Juli 1948, kamen die Eltern noch einmal nach Datterode, um sich bei allen Beteiligten und ganz besonders bei Walter Grede für seine Hilfsbereitschaft und außergewöhnliche Leistung zu bedanken. Nicht nur durch diese beispiellose Aktion, auch wegen seiner Originalität und Hilfsbereitschaft ist er als "dr Waller" (Allerweltskerl) in die Dorfgeschichte eingegangen und noch vielen von uns in Erinnerung!

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Das Kriegsgrab auf dem Friedhof zu Datterode

Jahrzehnte später geht der Mann, der 1945 auf dem Hof von Katharina Sippel Holz gehackt hat,  suchend durch die Hintergasse. Walter Wieditz, der ihm begegnet, hilft ihm bei der Suche des Grundstücks von Katharina Sippel. Der Mann erkennt die Scheune wieder und klettert sofort auf den Boden. Nachdem einige Heu- und Strohvorräte beiseite geräumt waren, greift er in eine Balkenritze und hält sein Soldbuch in der Hand, das er vor ca.35 Jahren dort versteckt hatte. Erfreut über den Fund erklärte er seinem Begleiter Walter Wieditz, dass er nun mit diesem Dokument lückenlos die Daten für seine Rentenberechnung nachweisen könne. Zufrieden begab sich dieser Mann auf den Heimweg, diesmal nicht in der Manschesterhose von Botterjopps Karle, sondern im Auto mit dem Kennzeichen FD (Fulda). Noch einmal hatte er in Datterode Glück gehabt - was er nicht wissen konnte, kurze Zeit später wurde die Scheune abgerissen, und damit wäre dann auch genau wie seinerzeit der unselige Krieg - sein Soldbuch verloren gewesen!

In dem Grab wurde später ein im Lazarett verstorbener Soldat mit Verwandtschaftsverhältnissen nach Datterode und Sontra neben dem verbliebenen Gefallenen beigesetzt.