deen

Aus dem Tagebuch eines Gefallenen

Am 20.6.41 haben wir ein Feldgesangbuch gekriegt. Es wird ernst. Am 21. gab es scharfe Munition. Heute Abend soll Abmarsch sein. Alles singt. Wir wollen aus Munster raus, aus diesem Irrenhaus, wir haben die Schnauze voll bis obenhin. Wir wissen aber, daß wir noch Strapazen auszustehen haben.

Nach guter lustiger Bahnfahrt in einem ostpolnischen Ort angekommen. Gestern am 25. kriegten wir so’n Einblick in Polen. Schlechte Wege. Jetzt liegen wir 8 Km von der russischen Grenze ab. Wir sollten um 7 Uhr geweckt werden, aber wir sind trotz 2 x Wache heraus um ½ 6 geweckt worden. Anscheinend dicke Luft. Wir sollen noch einen weiten Weg zurücklegen heute. Dieses Dorf heißt Debowo. Wir sind jetzt auf dem Marsche. Wir marschieren an der Grenze entlang nach Norden. Es sind sehr schlechte Wege. Immer zwei Gruppen müssen einem Fahrzeug mit durchhelfen. Es ist fast unmenschlich. Es ist Menschen- und Tierquälerei. Manchmal ist der Staub so dicht, daß wir kaum unsern Vordermann sehen können. Die Pferde müssen immer wieder Rast machen. Jeder hofft, bald an die Front zu kommen. Wir sind gerade durch einen kleinen Fluß gegangen und machen jetzt Rast. In der Nähe ist ein See. Aber dahin gehen zu baden, dürfen wir nicht. Wir sind abends in unserem Lager angekommen. Es wurde nachmittags ein sehr schwerer und anstrengender Marsch. Wir sind alle todmüde und kaputt.

Heute sind wir um ½ 5 aufgestanden, um ½ 6 losmarschiert. Es war ein Marsch, den bestimmt noch keine Infanterie gemacht hat, denn trotzdem die meisten bei uns aktiv sind, sind sie umgeklappt wie die Strohhalme. Alle paar Schritte kippte einer. Wir sind nur mit wenigen von der Kompanie in einem Ort, wo wir Mittag machten, angekommen. Morgens um ½ 9 überschritten wir die litauische Grenze. Danach ging der Weg weiter. Wir kamen durch eine vollständig kaputtgeschossene Stadt. Dann immer weiter. Die Bevölkerung gab uns zu trinken. Sie steckten ihre gelb-weiß-roten Fahnen raus. Unsere Kompanie hat manches Pferd gekapert. Die Soldaten kippen einen nach dem anderen. Es ist heiß. Die Sonne brennt stark. Kein Wind, kein Baum an den Straßen. Sehr schlechtes Pflaster. Viele Gräber an den Straßen. Meist deutsch. In den Wäldern, wo wir liegen, sind noch Russen. Der Spieß ist als erster angeschossen worden. In unserem Abschnitt ist die SS eingesetzt worden. Morgen sollen wir auf starken Widerstand stoßen. Der Feind soll sich heute, am 27. zurück gezogen haben. Heute geht es nur 25 Km. Es ist mal wieder ein richtiger Ruhetag. Aber die letzte Kraft holten uns die Mücken raus. Die Küche schlachtet einen großen schweren Bullen. Waffenappell. Doch um 3 Uhr Wecken. In 10 Km sollen wir auf einen Wald stoßen. Hier drin soll der Feind liegen. Er soll Verpflegungsbunker und alles hier haben. Als ziemliche Stellung. Stahlhelm auf! Es geht den ganzen Tag durch Wald und Sumpf. Wir schwanken in den Stiefeln. Abermals Wald gesäubert. Keine Gefangenen. Es ist auch möglichst zu unterlassen. Wir sind auch ohne Mittagessen satt geworden. Außerdem haben wir alles voll, Kochgeschirr voll Eier, Feldflasche mit Milch. Das Brot schmeckt besser wie zu Hause. Abends machten wir doch noch 20 Gefangene. Wir hatten einen Weg von 62 Km hinter uns. Um 2 Uhr ohne Essen, Waschen usw. zu Bett. Heute Morgen, 30., um 5 Uhr Wecken. Auch da sollen wir wieder das selbe marschieren ....

22.7.41 Diese Zwischenzeit vom Letzten bis heute konnte ich nicht schreiben. Es waren zu große Anstrengungen. Morgens um1/2 5 Uhr Wecken. Abends um 12 Uhr Zapfenstreich. Immer marschieren, zwischendurch Gefechte. Mancher gute Kamerad blieb zurück. Nach jedem Gefecht einen Tag Ruhe. Es sind nicht mehr die Russen von 1914 – 18. Sie sind zähe wie die Tiere, flink wie ein Wiesel und schlecht zu sehen.

Es werden nur wenige Gefangene gemacht, im Gefecht überhaupt nicht. Am schlimmsten ist ein Waldgefecht. Augenblicklich liegen wir in einem Busch zur Mittagsruhe. Unsere Artillerie schießt. Etwa 200 m vor uns schlagen die Geschosse ein. Ein andres Bataillon sichert vor uns. Wir wollen morgen früh angreifen. Feindliche Flieger sind über uns. Es sind kleine Schlachten in der Luft. Aber es wird nichts mehr davon. Die Spähtrupps bringen genug Gefangene mit. Sie sind alle ausgehungert. Unsre Kompanie wird zurückgenommen. Wir sollen das Gefangenenlager bewachen. Ich steh vorn am Haupteingang. So mancher Gewehrkolben fand sein Ziel. Am andern Mittag sollten wir unserm Bataillon, was mit Lkws vorgeworfen worden war, nachmarschieren. Morgens 3 Uhr da. Um 4 Uhr wurde gestürmt. Aber wir kriegten ein anständiges Artilleriefeuer. Immer wieder lagen wir im Dreck. Trotz schweren Feuers bloß ein Mann gefallen. Wir schossen und sprangen wie in Munster. Der Feind wich. Abends einbuddeln. Am andern Tage wurde es schon schlimmer. Am 3. Tage sollten wir eine Brücke besetzen und halten. Abends sollten wir abgelöst werden. Sie kamen aber nicht ran. Dann der schrecklichste Tag für uns alle. Der Angriff ging prima weiter. Der Feind wich. Unser Zugführer verwundet. Wir bekamen den größten Feind unseres Gruppenführers als Zugführer. Vor uns kam ein Dorf. Die Kompanie wurde geteilt. 1. Zug links von der Straße, 2. und 3. Zug rechts. Links war das Dorf. Unsere Gruppe vor. Unter schwerem und starkem MG- und Gewehrfeuer kamen wir an die Häuserreihe vor der Dorfstraße, an der Russen saßen und zum Teil noch drin. Unsere Handgranaten waren alle. Wir machten keine Gefangenen. Daß keiner fiel, ist komisch. Dann kamen wir zum nächsten Haus. Rippa schrie auf. Ich sprang zurück, holte ihn aus dem feindlichen Feuer. Verbinden konnte ich ihn nicht. Ich legte die Watte auf die Wunde. Ich rief den Unteroffizier, er rief, Sanitäter holen. Ich lief, trotzdem der Feind schoß um mein und Rippas Leben. Wie ich mit einem Sani zurückkam, war Rippa tot. Botsch und Grüber lagen am Hause gut gedeckt. Ich stand jetzt hinterm Hause. Hier durfte ich keine 3 Schritt tun. Ich schnallte ab, kroch unters Haus und erledigte so den russischen Scharfschützen. Ich zurück. Grüber rief: Sie fliehen! Wir geschossen, wie verrückt. Aber sie blieben weiter rückwärts in Stellung. Aber es war noch ein Scharfschütze da. Links hinter uns kam das 1. Bataillon. Sie wollten uns helfen. Kamen aber auch nicht vor. Immer wieder versuchten sie es. Nach einer Stunde lagen wir mit 11 Mann hinterm Hause, 3 Tote, 1 Lungenschuß, 1 Oberschenkelschuß, 1 Schulterschuß und 1 Hüftschuß. Wir letzten 4 noch heil. Gegen Abend ergab sich der Gegner. Wir gingen etwas zurück und buddelten uns am Hang ein. Verpflegung gab es wieder nicht. Unteroffizier und ich gingen zu Gefechtskarren, die etwa 1000 m zurücklagen und wollten Munition holen und ergänzen. Wir mussten über eine Höhe. Der Feind sah uns ein, und sofort schoß die Ari. Das Dorf, wo wir durch mussten, brannte. Wie es dunkel war, gingen wir zurück. Dort war alles weg. Unser beide Sachen lagen durcheinander. Volltreffer. Bald sammelte sich alles wieder. Am andern Morgen sollten wir zurück. Aber wir bekamen so ein Feuer, daß wir erst gegen Mittag raus konnten. Heute soll für unsere Kompanie ein Ruhetag sein. Aber erst um 3 Uhr kamen wir in dem Wäldchen an. Es wird Mittag gegessen (Bohnensuppe). Das Wasser, Fleisch und Kartoffeln fische ich mir raus, Bohnen mag ich nicht. Danach wurde gebuddelt. Harter Boden. Gegen Abend war ich fertig. Dann rasieren. Den Bart hätte ich flechten können. Dann waren wir gerade beim Waffenreinigen angefangen, da hieß es, Kompanie sofort fertigmachen und abrücken. Wir kamen wieder nach vorn. Wir wollten sichern. Jetzt sichern wir den 4. Tag schon. Nachts ging es weiter.

2 Tage ging es. Aber die letzten 2 Tage. Wir liegen mit einem Zug (2 Gruppen) auf einer kleinen Höhe, davon aus ein Keil in die feindliche Front. Das Feuer kommt viel von allen Seiten. Tags können einige schlafen. Nachts muß alles wach sein. Wir haben Munition und Handgranaten genug, aber an Verpflegung überhaupt nichts. Es ist jetzt der 2. Tag ohne Essen und Trinken. Sonst gab es noch einen Becher Essen, aber jetzt nichts. Die Artillerie schießt wie verrückt. Am schlimmsten sind die Schrapnells. Die russischen Flugzeuge werfen Bomben. Hier sind keine deutschen Flugzeuge. Unsere Artillerie verlässt uns auch. Wenn wir nicht bald abgelöst werden ------ . Immer, wenn einer den Kopf zu hoch nimmt, schießt der Russe. Er schießt mit der Artillerie auf einzelne Schützen.

Der Verfasser fiel wenige Tage nach den letzten Zeilen am 25. August 1941 im Alter von 19 Jahren. Er war Grenadier des 7./Infanterie-Rgt. 252, eingesetzt im Rahmen der Kämpfe der 9. Armee.

Sein Bruder fiel am 7. März 1942 im Alter von 21 Jahren.