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Zur Landschaft und Besiedlung im Ringgaugebiet

Dr. Herbert Gehlsdorf veröffentlichte im Jahre 1926 im Verlag Johannes Braun, Eschwege, zu diesem Thema das Buch „Landschaft und Besiedlung im Ringgaugebiet – Eine siedlungsgeographische Untersuchung“. Das für historisch Interessierte äußerst lesenswerte Werk beschäftigt sich, ausgehend von einer geomorphologischen Betrachtung und eines historischen Diskurses, mit der Besiedlung des Ringgaugebietes und den Gegebenheiten in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Reichhaltigkeit der Quellen und Nachweise, die Gehlsdorf verwendete, stellt in Summe eine zu seiner Zeit umfassende und abschließende Erkenntnis zum Thema dar.

Die folgenden Auszüge sollen dem Leser, der Leserin die Möglichkeit eröffnen, die siedlungshistorischen Abläufe im Ringgau in komprimierter Form zu erfassen.

Der geschichtliche Gang der Besiedlung
„Aus den Zeiten vor dem Eindringen der fränkischen Missionare sind keine bestimmten geschichtlichen Nachrichten vorhanden. Keine Periode unserer hessischen Geschichte ist in tieferes Dunkel gehüllt und bedarf mehr der Aufklärung, als jene Tage, in denen der alte Name der Chatten längst verschwunden war (ca. 400 nach Christus) und ein neuer Name, der der Hessen, zuerst aufkommt (ca. 700), jene denkwürdige Zeit, in der das Licht des Christentums zuerst erstrahlen begann und Umwälzungen der wichtigsten Art auf allen Gebieten, politischen sowohl wie sozialen und kulturgeschichtlichen, langsam aber unaufhaltsam sich Bahn brachen, die Zeit des achten Jahrhunderts.

Diese für Hessen gekennzeichneten Verhältnisse haben ebenso gut Geltung für das östliche Nachbargebiet Thüringen.

Der Ringgau, heute in eine hessische und eine thüringische Hälfte geteilt, ist altes thüringisches Volksland. Die Stammesgrenze der Thüringer gegen die Hessen verlief vom Kaufunger Wald nach Süden nach der Gegend von Sontra, umschloss also den Ringgau; auch heute gehört dieser sprachlich nicht zum hessischen Gebiet, obwohl die Mundart (siehe auch unter „Die Datteröder Mundart“) auch wieder nicht mehr rein thüringisch ist. Die Werra bildet keine scharfe Sprachgrenze. Sie ist erst im 13. Jahrhundert, zur Zeit des hessisch-thüringischen Erbfolgekrieges, zur politischen Grenze zwischen beiden Ländern geworden.

Um die Wende des ersten Jahrtausends werden für den Ringgau und die umliegenden Gebiete folgende landschaftliche Bezeichnungen genannt: Die Germanenmark als thüringische Provinz; sie soll sich von der Duderstädter Mark einerseits und Schlotheim andererseits westlich bis nach Witzenhausen, südlich am Meißner entlang bis über Eschwege hinaus erstreckt haben; die Wüstung Vierbach bei Reichensachsen wird dazu gerechnet. Die Germanenmark ist nachgewiesen 974 bis 1075. Sie war kein Gau, sondern eine jüngere Einrichtung, vielleicht von Heinrich I. als Militärbezirk für einen Grafen, als Grenzschutzgebiet gegen die Slawen geschaffen. Die wichtigste Urkunde über die Germanenmark stammt aus dem Jahre 974. Kaiser Otto II. schenkt seiner Gemahlin Theophano ein Gut bei Eschwege: „In regione Thuringiae et in Germaramarca“. Als einen Teil er Germananmark könnte man die Honermark (oder Hunetermark) auffassen, das Gebiet um Niederhone; diese ist aber unbewiesen.

Man kann nun annehmen, dass der Ringgau südlich an die Germanenmark stieß. Der Nethergau bezeichnet kein anderes Gebiet als den Ringgau, höchstens einen Teil desselben: Die Gegend um Netra.
Erwähnt, auch auf historischen Karten verzeichnet, ist noch der thüringische Westergau. Er soll sich von der Unstrut bis zur Werra erstreckt und Treffurt und Wanfried noch mit umfasst haben. Dementsprechend wäre es hier das östliche Nachbargebiet der Germanenmark gewesen, wenn man diese überhaupt auch als Landschaftsbezeichnung, nicht bloß als Verwaltungsbezirk setzen darf.

Es ist durchaus möglich, dass der Ringgau einen Teil des Westergaus oder einen westlichen von ihm vorgeschobenen Grenzgau gebildet hat. Der Name Ringgau (vgl. unter „Der Begriff Ringgau“) wird richtig zum ersten Mal 993 erwähnt in einer Schenkungsurkunde Kaiser Otto III. an das Stift Hersfeld: „Tres mansos regales in villa Gangestal dicta sitos in pao Reinichgouue“.“

 

Der Gang der Besiedlung
„Es sollen der Siedlungszeitspannen angesetzt werden:

  1. Die Zeit der Germanen bis in die Völkerwanderung hinein und bis zur Ausbildung des Thüringerreichs; also bis ins 6. Jahrhundert. Als abschließendes Ereignis wird die Schlacht bei Burgscheidungen 531 angenommen.
  2. Anschließend die durch die Vorherrschaft der Franken charakterisierte Zeitspanne, die das Eindringen der Franken und ihre militärisch-kolonisatorische Tätigkeit umfasst. Ein bestimmter abschließender Zeitpunkt lässt sich nicht angeben; man nimmt gewöhnlich die Wende des 8. zum 9. Jahrhundert an.
  3. Die Zeit der Ausbildung des Deutschen reiches, der Verfall der Frankenherrschaft; es ist die Zeit der inneren Kolonisation im deutschen Volksgebiet, von 800 bis 1300; ein halbes Jahrtausend, in dem das deutsche Land in großen Zügen das Antlitz gewann, das es heute noch trägt.

Zur Erklärung dieser Einteilung für den Ringgau sei folgendes gesagt. Das Jahr 531 bedeutet für die ganze Geschichte Mitteldeutschlands durch den entscheidenden Sieg der Franken über die Thüringer einen Markstein. Die Franken treten die Erbschaft der Thüringer an und sind nun die Herren von Mitteldeutschland. Diese Verhältnisse müssen von der größten Bedeutung auch für die Besiedlung des Landes gewesen sein. Die Siedlungsverhältnisse im Ringgau bis zum Beginn der Frankenherrschaft müssen einigermaßen gleich bleibend gewesen sein, denn erst danach setzt ein Umschwung, eine wesentliche kolonisatorische Tätigkeit ein.

Die vorgeschichtlichen Siedlungen als eine besondere Zeitspanne voranzusetzen, soll hier nicht versucht werden. Dagegen soll im Einzelnen betrachtet werden, ob sich Beziehungen von den vorgeschichtlichen Siedlungsplätzen zu denen der frühesten geschichtlichen Siedlungsspanne ergeben.

Die erste Siedlungsperiode (vor 531 nach Christus)
Zu ihr gehören alle ältesten, heute unverständlichen Namensformen, soweit sie einer genauen Prüfung standhalten. Es sind Formen auf -aha, -loh, Kollektiva -idi und einige alte Grundworte unter den Namen des Ringgaus und seines Vorlandes vertreten. Zu aha (=aqua, Wasser) gehören: Falcanaha („Falkenwasser“, Falken), Nederaha („Natternbach“, Netra), Olfenaha (etwa „Wütendes Wasser“, Ulfen), Milaha (Mihla). Fluss- und Bachnamen sind von alten Ansiedlungen oft übernommen worden; die Erscheinung ist so häufig, dass man aus Ortsnamen verschiedene alte Namen von Wasserläufen oder Teilen derselben feststellen kann. Zwischen der Bezeichnung des Flusses und des von ihm durchströmten Gebietes ist kein Unterschied gewesen; daher der Übergang des Fluss- oder Bachnamens auf dem Wege über die Geländebezeichnung zur Ortsbezeichnung.

Zu –loh (locus, Hain) gehört Brustlohun, Burschla.
Zu –idi, oder –die, -ede (Kollektivsiffix, das so viel wie „Gegend“, „Platz“ bedeutet) gehören: Honidi oder Hunete (tief gelegener Platz, am Fluss; Nieder-, Oberhone), Reinidi, Reinete (Platz am Rain, Rand; Renda), Suebada (schwebeneder Platz, von er Nähe zur Werra und ihren sumpfigen Ufern; Schwebda), Iffede (Ifta), Scherbda.

Grundworte sind: Frieda (vielleicht im Sinn von Einfriedung, Gehege), dazu der Nachbarort Wanfried; Heldra (wahrscheinlich zu holtar, Holunder), Wommen. Frieda und Heldra sind wieder Namen von Bächen.


So weisen die Ortsnamen der ersten Siedlungsschicht im Ringgaugebiet noch keine Siedlungsbezeichnungen und Personennamen, sondern Flur- und Gelände- sowie Gewässernamen auf. Im Wesentlichen sind es Ableitungen auf –idi und Komposita auf  -aha, -loh, -steti. Alle diese Formen gelten für die ältesten Namen im germanisch-deutschen Stammlande.“

Unter Vernachlässigung der vorgeschichtlichen Siedlungen sind damit wohl die ältesten Siedlungen der heutigen (politischen) Ringgaugemeinde die Ortsteile Netra und Renda.

Die zweite Siedlungsperiode (531 bis 800)
„Der wichtigste Vorgang dieses zweiten Abschnitts ist das Eindringen der Franken nach der Niederwerfung des Thüringerreiches. Es muss demnach zunächst ein militärisches Besetzen des Landes an wichtigen Punkten, dann eine allmähliche Durchdringung mit fränkischen Ansiedlern stattgefunden haben. Unbedingt mussten mit dem Fortschreiten der Besiedlung schon jetzt kleinere oder größere Teile des Waldes gerodet werden, nicht bloß des Steppenwaldes, sondern auch des Urwaldes. Die Siedlungen der fränkischen Kolonisten aus der zweiten Periode hätten oft überhaupt keinen Platz gefunden, wenn man nicht in gewissem Maßstabe, und sicher an der jeweils günstigsten und zugänglichen Stelle, gerodet hätte. Nachdem man dann nach und nach die lichteren Waldungen beseitigt und das günstiger gelegene Gelände sich erobert hatte, rückte man, nun in größerer Anzahl – sei es nun ein Haus von Hörigen eines Grundherrn, eine Ansiedlergenossenschaft oder eine Ordensbruderschaft gewesen – dem geschlossenen Waldgebiet, dem Urwald, zu Leibe. Der Zeitpunkt dafür fällt natürlich für jede Gegend anders; im Allgemeinen nimmt man den Beginn für diese großen Rodungen um die Wende des 8. zum 9. Jahrhundert an.

Aus der Lage, dem Boden, den landschaftlichen Eigentümlichkeiten eines jeden Platzes lässt sich oft das relative Alter der Ortschaft im Vergleich zu anderen ermitteln. Die Angaben er Ortsnamen in den Urkunden ist so zufällig, dass sich aus ihnen keine Schlüsse darüber ziehen lassen, wann der Ort wirklich gegründet worden ist.

Die Namen, die in der zweiten Siedlungsperiode vertreten sind, enden auf –hausen, -bach, -born (-brunn), -au, -berg und burg, -hof, -dorf, -feld, -furt und ähnlich. Ortsnamen auf -hausen und –bach sind im ganzen hessischen und fränkischen Gebiet überaus häufig anzutreffen; die ersteren überwiegen noch. Bei vielen Orten auf –hausen handelte es sich wahrscheinlich um Stützpunkte fränkischer Macht oder fränkische Herrensitze. Solche lagen natürlich an begünstigten Punkten des Geländes, oder an militärisch wichtigen Straßenzügen. Zwar darf man das wüste Hochhausen auf der Ringgauhochfläche, das kleine, versteckte und abgelegene Holzhausen oder auch Markershausen, trotzdem der Name auf den Personennamen Markwart zurückgeht, schwerlich nicht als Stützpunkte fränkischer Macht betrachten. So liegt aber Herleshausen wie ein Riegel auf der nördlichen Diluvialterasse des Werratals; Ebenshausen, Wüstung Reinmannshausen und Völkershausen ebenso weiter flussabwärts. Schnellmannshausen und das wüste Hillershausen beherrschen den breiten Talgrund, der den Verbindungsweg zwischen der Netra-Iftaer Gegend und dem Werratal bei Treffurt bildet. Das Wohra-, Sontra- und Ulfetal werden eingenommen von zahlreichen Dörfern auf –hausen. Den Eingang ins Netratal sperrte Wellershausen (auch Willershausen/“Wellerschhisser“ genannt – heute in der Datteröder Mundart noch bekannt); rings um Röhrda lagen kleinere Ansiedlungen dieser Namensform, Rittmannshausen in der Mitte der Grabenzone, auf der Wasserscheide zwischen Netra und Ifta.

Von den 16 erhaltenen Ortschaften auf –hausen liegen 8 auf alluvialem oder diluvialem, einige nur zum Teil auf diluvialem Boden. Willershausen auf dem Muschelkalk im östlichen Ringgau ist als Uuiderolteshuson schon 874 urkundlich belegt, eine der frühesten Jahresangaben im Ringgaugebiet. Es zeigt sich wieder, dass die minder fruchtbare Hochfläche durchaus nicht zuletzt besiedelt worden ist, weil sie eben freier war. Auch Grandenborn, dessen Altersbestimmung fraglich ist, darf man eher älter als zu jung annehmen. Grandenborn ist er Fundort neolithischer Steinbeile, wie auch das Nachbardorf Röhrda und hat die günstigste Lage auf der Hochfläche überhaupt.

Die Ortschaften mit der Endung –dorf werden im Gegensatz zu den Herrensitzen auf          -hausen als fränkische Kolonistensiedlungen bezeichnet. Nach Osten, gegen die Grenze der Slawen hin, wächst ihre Zahl. Das gebiet des Ringgaus und seines Vorlandes weist sieben Wüstungen auf –dorf auf, dazu zwei noch bestehende Dörfer, Grebendorf und Pferdsdorf und die Kleinsiedlung Schrapfendorf, die früher ein Dorf gewesen, heute nur noch ein Gehöft ist. Liegen Grebendorf und Pferdsdorf noch auf fruchtbarem Boden, wurden die heutigen Wüstungen auf Buntsandstein angelegt. Unter Umständen war Siedlungsraum knapp, und die Rodungen wie in der dritten Siedlungsperiode setzen bereits hier ein. Der schlechte Boden ließ aber wohl die Masse der –hausen wüst fallen. Letztlich ist in vielen Fällen bei den –dorf-Siedlungen eine Aussage über die Entstehung nicht möglich.

Die übrigen Siedlungen und Wüstungen, Namen auf –bach, -feld, -born, liegen allermeist auf Buntsandstein. Man kann sie also für jünger als die –hausen- und –dorf-Siedlungen halten, welche noch den diluvialen Boden zur Verfügung hatten. Die Zahl der Wüstungen ist besonders bei der Gruppe auf –bach groß, es sind zwölf (gegen sechs erhaltene Ansiedlungen). Die Endung –berg, die vielfach mit –burg vertauscht worden ist (Kreuzberg – Kreuzburg) weist einige Wüstungen auf, die aber auch sehr gut in die dritte Periode gehören können.“

Das heißt in der Konsequenz, dass neben den Wüstungen, die an anderer Stelle dargestellt werden, unter Umständen der heutige Ortsteil der politischen Gemeinde Ringgau, Rittmannshausen, in der zweiten Siedlungsperiode entstand. Urkundliche Belege fehlen jedoch. Belegt ist dies jedoch für das zu Datterode gehörende Gut Harmutshausen Bei Lüderbach und Grandenborn bleibt dies indes fraglich.

Die dritte Siedlungsperiode (800 bis 1300)
Es ist die Zeit der Rodungen großen Stils, sowie des Abschlusses derselben. In ihr wurde Wald auf den Umfang zurückgedrängt, den er im Allgemeinen heute noch hat. Dieser Zeit gehören von den heute noch bestehenden dörflichen Siedlungen des Arbeitsgebietes dreizehn an. Dazu treten wenigstens noch vier Kleinsiedlungen; bei diesen Altersangaben oft schwierig; er weitaus größere Teil ist aber jünger als die dritte Periode. Diesen 17 erhaltenen Wohnplätzen stehen 34 Wüstungen gegenüber. Zu den ersten ist ein kleines Dorf gerechnet worden, dessen Namenssuffix –born eigentlich zur zweiten Periode gehört, Frauenborn. Die Lage sowie das Präfix des Namens machen es jedoch wahrscheinlich, dass der Ort erst zu der Zeit gegründet wurde, als das kirchliche Wesen Eingang gefunden hatte. Frauenborn ist vielleicht zu deuten als „Brunnen unserer lieben Frauen“.

Die übrigen Namen weisen meist auf Niederlegung des Waldes hin. Die sonst weitaus häufigste Endung –rode ist im Ringgau nur in Datterode, Frankenroda und Volteroda vertreten. Wolfmannsgehau und Hattengehau deuten auf Rodung hin. Langenhain ist „Zu dem Hein“, als etwa: „Im Walde“. Reichensachsen war „Zu den Sassen“. Röhrda, Nesselröden und Lauchröden führen ihre Namen auf Rorinriet, Nezzelrieden und Lochereden zurück, welche Formen für jung gelten. Bei Röhrda ist die Datierung jedoch sehr unsicher. Man hat es hier mit einem sehr alten Siedlungsplatz zu tun. Bebenso ist es bei Datterode unsicher, ob der Platz zum ersten Mal besiedelt worden ist. An beiden Orten sind vorgeschichtliche Funde gemacht worden: Neolithische Steinbeile, in Datterode außerdem noch Funde aus der Bronze- und Hallstattzeit. Da Datterode aber eine sehr ungünstige Lage hat und eine Rodung nach dem Namen nicht bezweifelt werden kann, so könnte hier der Fall vorliegen, dass die vorgeschichtlichen Siedlungen eingegangen oder verlassen worden sind.

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Steinbeilfunde im Museum des Heimatvereins Datterode

Unter den 34 Wüstungen, sind 16 auf –rode; 4 auf –tal; 6 Burgen oder Herrensitze auf –burg, -berg und –fels. Die Angaben über die Wüstungen sind völlig ungenau und ermöglichen nur selten zuverlässige Orts- und Zeitbestimmungen, wie beim Schloss Brandenfels und der Graburg, die beide um 1250 angelegt sind, oder bei Gangestal, das 993 als „villa“ erwähnt wird. Es muss sich bei sehr vielen dieser Wüstungen um Kleinsiedlungen gehandelt haben, wie etwa Einzelhöfe und Meiereien; anders wäre die ungemein starke Häufung der Wüstungen um die Boyneburg nicht zu erklären. Hier steht einer dieser Höfe noch heute: Harmutshausen.

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Harmutshausen


Ein Ort auf gerodetem Gebiet, auf „Röt“, ist auch Lautenbach, heute Domäne, früher ein Dorf – der Flurname „Alte Kirche“ erinnert daran; auch diese Siedlung kann man eher der dritten als der zweiten Siedlungsperiode zuschreiben. Dasselbe gilt von einigen Wüstungen im Umkreis der Boyneburg. Diese kleinen Niederlassungen sind sicher erst entstanden, als die Festung im 11. Jahrhundert politische Bedeutung gewann.“

Auch wenn vorgeschichtliche Siedlungen in den verbleibenden Ortsteilen der politischen Gemeinde Ringgau wahrscheinlich sind, so sind wohl die Ortsteile Datterode, Röhrda, Lüderbach und Grandenborn spätestens in der dritten Siedlungsperiode gegründet bzw. auf Dauer besiedelt worden.


Resümee
„Rund 15% der gesamten Siedlungen war schon in der ersten Periode vorhanden. Alsdann setzt in der zweiten eine gewaltige kolonisatorische Tätigkeit ein, und die Hälfte aller Wohnplätze dieser Zeit entstanden. In der dritten Periode ist schon ein deutliches Nachlassen der siedlerischen Tätigkeit zu bemerken. Irgendwelche größeren Siedlungen als Einzelgehöfte, Mühlen, Güter, Ziegeleien sind seit Ablauf der dritten Periode bis zur Gegenwart im Gebiet des Ringgaus und seines Vorlandes nicht mehr entstanden; daher kann man den Abschluss der Siedlungsperiode überhaupt am Ende der dritten Periode setzen.


Die Einordnung der Ortschaften im Einzelnen in die bestimmten Perioden ist oft recht schwierig, zuweilen fast unmöglich; nur gelegentlich sind genaue Angaben vorhanden. So lassen sich die Siedlungsperioden auch nur im Allgemeinen und Großen aufstellen.

Eine Periode der vorgeschichtlichen Siedlungen aufzustellen, ist unterblieben. Bei Zeiträumen, die sich über Jahrtausende erstrecken, kann man davon nicht reden. Für die einzelnen archäologischen Abschnitte liegen jeweils nicht genug Funde vor, um Einzelperioden der Vorzeit aufstellen zu können. Diese ganze Zeit aber zur ersten Periode zu rechnen, und die Ortschaften, bei denen die vorgeschichtlichen Funde gemacht worden sind, als die ältesten anzusehen, war deshalb untunlich, weil nirgends der Zusammenhang der Siedlung von der Vorzeit bis zu unserer ersten Periode bewiesen ist. Auch kann man bei der gegenseitigen Beziehung von vorgeschichtlicher und germanisch-deutscher Ansiedlung natürlich nur von annähernd demselben Siedlungsplatz sprechen, niemals von derselben Ortschaft, womöglich mit dem heutigen Namen.

Die immer betonte Absicht, dass Siedlungsraum und Siedlungsgelände vom Neolithikum bis zur Völkerwanderung in Deutschland gleich geblieben seien, wird dabei keineswegs widerlegt, sondern nur bewiesen. Auch im Ringgau ist diese Tatsache zu beobachten. Auf die weitgehende Übereinstimmung des Siedlungsraumes im Werratal und an einigen Stellen der Ringgauhochfläche bezügliche der vorgeschichtlichen und der relativ älteren Ansiedlungen der drei Perioden ist ja hingewiesen worden.

In der germanisch-deutschen Zeit gehörte zur Zeit der Völkerwanderung das Ringgaugebiet den Thüringern. Es war für die damaligen Verhältnisse vielleicht nicht schwach besiedelt, und es drückten sich bestimmte Gruppen von Ansiedlungen aus: Die Werratalniederung und der eigentliche Ringgau. Hier wie dort stand den Siedlern der Waldsteppenboden zur Verfügung. Die Löß- und Auelehm-Terrasse der Täler bot guten Ackerboden, die Muschelkalkhochfläche leidliche Bedingungen zur Viehzucht. Dagegen waren große geschlossene Waldgebiete rings um die Muschelkalktafel noch unbesiedelt.

Das Eindringen der Franken schuf neue Verhältnisse. Die Bevölkerung wird langsam von fränkischen Militärposten und Ansiedlern durchsetzt. Die -hausen-Siedlungen in den Tälern sind Stützpunkte der fränkischen Eroberer. Andere Siedlungen auf -dorf und -feld zeigen Gründungen fränkischer Kolonisten an. Nachdem der Waldsteppenboden besetzt ist, dringt man allmählich gegen den geschlossenen Wald vor. Dies geschieht von den schon besiedelten oder zugänglichen Tälern aus. Hier dürften die Mittelpunkte für die weitere Ausbreitung gelegen haben; daraus könnte sich vielleicht auch noch die Häufung von Wüstungen rings um einige günstig gelegene Dörfer erklären, wie Ulfen, Herleshausen und Grebendorf.

Der Übergang von der zweiten zur dritten Periode ist im Ringgaugebiet bei weitem nicht so ausgeprägt wie der von der ersten zur zweiten. Es ist vielmehr für beide, die zweite und dritte Periode, Rodung anzunehmen, deren Umfang und Gründlichkeit freilich in langsamem Wachsen begriffen und während der dritten Periode auf dem Höhepunkt ist.


Man kann auch von einer allmählichen Steigerung der Rodungen zur dritten Periode hin sprechen, so dass kein strenger Abschluss zur zweiten Periode gegeben ist. Das Eindringen römisch-kirchlichen Wesens und römisch-kirchlicher Organisation, deren Träger die Nachfolger Winfried-Bonifatius waren und die Ausbreitung der fränkischen Grundherrschaft gingen nebeneinander her; die zweite Einrichtung wird sogar noch früher in Erscheinung getreten sein als die erste. Beide schufen die technischen und materiellen Vorbedingungen zur Ausführung der Rodungen großen Stils, die nur von größeren Gruppen von Ansiedlern, auf einem wirtschaftlich leistungsfähigen Rückhalt gestützt, vorgenommen werden konnten. Notwendigkeit oder Unkenntnis führten dazu, dass man tiefer in das zur Bewirtschaftung wenig geeignete Waldgelände vordrang. Es entstand allmählich eine große Anzahl von Dörfern und Kleinsiedlungen, oft eng beieinander. Damit war jedoch der Höhepunkt erreicht; die zweite Hälfte des Mittelalters weist eine erhebliche Verminderung der Ortszahl auf.

Im 10. Jahrhundert muss die Kultur des Gebietes schon auf einer beträchtlichen Höhe gestanden haben. Die Urkunden Ottos II. und Ottos III. sprechen davon, dass um Eschwege und am Ringgau Besitzungen der kaiserlichen Familie gelegen haben. 974 schenkte Otto II. das Gut zu Eschwege seiner Gemahlin Theophano; 993 verschenkte sein Sohn drei Höfe in Gangestal am Ringgau an das Kloster Hersfeld. Auf der Flucht von der Harzburg im Jahre 1073 kam Heinrich IV. am 12. August in Eschwege an und erreichte am 13. Hersfeld. In damaliger Zeit setzt die Bewältigung einer Entfernung von rund 50 km in einem Tage, im bergigen Gelände, mit Überwindung der Werra-Fulda-Wasserscheide, selbst für einen Reiter recht günstige Wegeverhältnisse voraus.


Ein Grund für das Eingehen mancher Dörfer, der wenig erwähnt wird, ist mit Sicherheit auch in den Seuchen zu suchen, die um die Mitte des 14. Jahrhunderts Deutschland entvölkerten. Es ist durchaus vorstellbar, dass in mancher kleinen Ansiedlung die Bevölkerung bis auf den letzten Mann der Pest zum Opfer gefallen sein kann. Das Wüstwerden vieler Ortschaften fällt in dieselbe Zeit, in der das Land unter Seuchen zu leiden hatte. Dass die Erinnerung an die ausgegangenen Ortschaften zum Teil noch heute im Volke lebendig ist, davon konnte ich mich selbst an mehreren Orten im Ringgau überzeugen.“

Und auch im Ringgau und im Datterode des 21. Jahrhunderts sind viele dieser Ortsnamen noch lebendig (vgl. „Wüstungen um Datterode“).



Die Lage der Ansiedlungen
Hier beschränken wir uns auf die Darstellung der Ortsteile der heutigen politischen Gemeinde Ringgau (auch sind die Wüstungen weitestgehend unberücksichtigt):

Netra liegt auf dem Grund der Mulde, nicht zu beiden Seiten des Baches, der ihm den Namen gegeben hat, sondern einseitig, auf der nördlichen Seite. Netra ist horizontalsohlenständig. Seitliche Taleinschnitte sind hier nicht maßgebend. Für die Wahl der Siedlung sprechen ähnliche Gründe, wie bei den Siedlungen des Werratals: Waldsteppengelände, fließendes Wasser. Dazu kommt bei Netra die Lage an dem alten Durchgangsweg, den die Grabenzone immer dargeboten hat.

Rittmannshausen, zwischen Ifta und Netra gelegen, beherrscht die Wasserscheide; ob es aber einer der alten Stützpunkte fränkischen Macht- und Herrentums gewesen ist, lässt sich sehr bezweifeln. Rittmannshausen wird urkundlich nicht erwähnt, liegt auf einem Boden, der in der Regel nicht früh besiedelt wurde und ist auch heute noch recht unbedeutend. Vergleicht man Rittmannshausen mit den benachbarten Dörfern Netra, Lüderbach und Ifta, so fällt auf, wie klein und ungünstig gelegen die von Rittmannshausen ist. Der größte Teil ist der landwirtschaftlich ungünstige „Untere Muschelkalk“, und deshalb heute auch forstwirtschaftlich ausgenutzt, was freilich heutzutage auch für den Bauern einen großen Wohlstand bedeutet; aber ursprünglich lagen diese Verhältnisse ja nicht so.

Lüderbach weist im Gegensatz zu Rittmannshausen alle Vorzüge eines Siedlungsplatzes auf, abgesehen von einem: Der Lage am Hauptverkehrsweg. Zwei kleine Täler vereinigen sich hier. Lüderbach liegt mit Kirche und Anger und dem darum gruppierten Ortsteil auf dem Ausläufer des Liebersbergs. Die Wege führen von Norden und Süden steil zum Kirch- und Angerplatz hinauf. Dieser Platz muss unbedingt die erste Ansiedlung getragen haben; er ist groß genug für eine solche alter Zeiten. Im Bachtal hat sich die Ortschaft ausgedehnt; möglich, dass die Mühlenanlage – zwei Wassermühlen liegen im obersten Dorfteil – der Anfang dazu war. Lüderbach hat Hügelspornlage. Geschützte Lage, fließendes Wasser; in den Bachtälern Wiesengründe und an den sanft geböschten Abhängen bequem zugängliche Felder begünstigen den Platz.

Röhrda liegt wie Lüderbach am Rand der Grabenzone und ist ebenfalls ein äußerst günstiger Siedlungsplatz. Mittlerer Keuper bildet hier unterhalb des Muschelkalks eine nicht ausgedehnte, aber ebene Terrasse über dem Tal, das heute Wiesengrund ist und ehemals sehr feucht gewesen sein muss, worauf die Flurnamen schließen lassen. Unmittelbar über der Terrasse entspringt eine an die Verwerfung gebundene Spaltenquelle, die wasserreich genug ist, um sofort im Dorf eine Mühle in Bewegung zu setzen. Die Quelle hat einen großen teil des Bodens von Röhrda mit Klaktuffablagerungen überzogen. Die Terrasse, erhöht über der Talsohle, im Rücken eine Nische in der Bergwand, dazu das Vorhandensein der Quelle stempeln Röhrda zu einem Siedlungsplatz ersten Ranges. Tatsächlich beweisen schon steinzeitliche Funde die Gunst dieser Örtlichkeit. Die alte Form des Ortsnamens Rorinriet gibt freilich keinen Aufschluss. Man nimmt die dritte Periode an. –riet kann „gerodeter Platz“ bedeuten oder: Mit Riedgras (Sumpfgras) bewachsenes Gelände.

Datterode liegt netraabwärts schon außerhalb des Muschelkalkgebiets in einem recht engen Talstück, das nur durch die Einmündung des Hasselbachtals von Nordosten und eines unbedeutenden Nebentals von Süden eine Hervorhebung erfährt. Datterode ist sohlenständig; es liegt ungünstig – was sich noch heute in den wirtschaftlichen Verhältnissen des Dorfes widerspiegelt – und hat als junge Siedlung nicht die Möglichkeit gehabt, den Platz zu wählen. Für die Ansiedler mochte die Nische des Hasselbachtals anziehend wirken. Die Kirche, aus dem 16. Jahrhundert (Anm.: Die Kirche in ihrer Grundform ist weitaus älter – siehe unter „Die Kirche“), liegt seitlich, hoch über der Talsohle am Eingang ins Hasselbachtal. Das Dorf im Ganzen fand aber auf der steilen Böschung keinen Platz und war genötigt, sich auf der Talsohle auszubreiten. Eine weitaus günstigere Lage hat das benachbarte Gehöft Harmutshausen, das sicher älter als Datterode ist. Es liegt in einer weiten, zirkusförmigen Nische des Muschelkalkabhangs, unterhalb der Rötterrasse und im Quellenhorizont. Eine Reihe von Wüstungen werden namhaft gemacht, die in und an der Grabenzone und im unteren Netratal anzunehmen sind. Die älteren, wie die auf -hausen (Wellerhausen, Helmarshausen), dazu das noch vorhandene Harmutshausen und die auf -bach (Hasselbach, Rettelbach) müssen einengend bei der Anlage von Datterode gewirkt haben, denn sie sind älteren Ursprungs. Nur die Lage von Wellershausen ist zu kennzeichnen: sohlenständig.

Renda liegt so versteckt, dass man, auf der freien baumlosen Hochfläche stehend, auf 750 m Entfernung nicht einmal die Kirchturmspitze sieht. Es hat die vollkommenste Nestlage. Von Nordwesten, Norden, Osten und Südosten laufen flache Mulden zusammen und vereinigen sich in Renda zu dem bald tief eingeschnittenen Rendatal, das zunächst südwärts verläuft. Dieses ist wie das Ölbachtal zu eng und ganz ungeeignet, eine Ansiedlung aufzunehmen. Nur an dem Zusammentreffen der Mulden bot sich ein geschützter, leidlich geräumiger Platz. Das heutige Dorf ist allerdings schon genötigt, sich bis zum oberen Rand der Abhänge auszudehnen. Winklig und eng ist das ganze Dorf gebaut, keine Straße eben. Obwohl es in mehreren Abflussrinnen der Hochfläche liegt, leidet es doch oft unter starkem Wassermangel und ist in dieser Hinsicht von allen Dörfern des Ringgaues am schlechtesten gestellt. Auf fließendes Wasser ist naturgemäß nur bedingt und zeitweise zu rechnen, und die Brunnen versiegen in Trockenzeiten ebenfalls. Doch ist Renda der Platz, der sich wegen seiner vollendeten Nestlage in weitem Umkreis auf der Hochfläche am besten zur Ansiedlung eignet, und deshalb darf man hier, zumal bei dem alten Namen, eine recht frühe Ansiedlung ansetzen.

Grandenborn liegt freier als das Nachbardorf Renda, es hat eher Mulden- als Nestlage, aber doch immerhin eine verhältnismäßig geschützte Muldenlage. Die Auflagerung von Lehm gibt der ganzen Örtlichkeit ein überaus bezeichnendes Gepränge. Ausgedehnte Obst- und Weidegärten im Dorf und ein frischgrüner Wiesengrund östlich vom Dorf schaffen ein höchst freundliches Bild und bieten zu der sonst kahlen Hochfläche einen starken Gegensatz. Einzigartig ist das Vorhandensein eines Teiches, der einer wasserundurchlässigen Schicht im Untergrund sein Dasein verdanken muss. Er ist doppelt auffällig, weil er fast am höchsten in der Mulde liegt. Diese, welche selbst einen kleinen Sattel bildet, kann ihre Feuchtigkeit nur dem Vorhandensein höherer Erhebungen nördlich wie südlich verdanken. Dass die Ansiedlung nicht weiter westlich liegt, wo ja auch Diluvialboden ist, zudem eine größere Fläche, ist doch vielleicht dem Vorhandensein des Teiches zuzuschreiben, dessen Nähe den Menschen anzog. Von dem Teich abgesehen, ist die eine Stelle so günstig wie die andere. Grandenborn ist auf Zisternenwasser angewiesen. Mehrere Zisternen versorgen das Dorf. Er Name spiegelt die Geländeverhältnisse wider. Die eine alte Form Graneburne enthält gran = junger Wuchs, born = Quelle. Die andere freilich, Grandeburnen, würde „Kiesbrunnen“ bedeuten. Sprachlich hat die zweite, in Hinsicht auf das Geländedie erste Deutung Wahrscheinlichkeit. Die Eignung des Platzes für die Besiedlung ist unbestreitbar. Bereits neolithische Funde beweisen, dass er den Menschen angelockt hat; zugleich ein Beweis, dass das Gelände hier schon für ursprüngliche Menschen betretbar war. Im weiten Umkreis von Grandenborn liegen eine Reihe von Wüstungen, deren Lage im einzelnen nur schwer zu bestimmen ist.“


Straßen und Verkehr
„ Der Einschnitt, den der Netra-Iftaer Grabenbruch in der Muschelkalktafel hervorgerufen hat, zeichnet eine natürliche Verkehrslinie von alters her vor: Diese Verbindung von Thüringen nach Niederhessen muss uralt sein. Seit dem späteren Mittelalter wird sie ein teil der großen Verkehrslinie Kassel-Eisenach-Leipzig. ……… Neben der Leipziger Straße verläuft als zweite Hauptlinie die Nürnberger durchs Ulfetal auf Berka zu. Beide waren große Durchgangsstraßen, ursprünglich mit Straßenzwang, d. h. der Verkehr musste sie benutzen und mit Zöllen belastet.

Die Leipziger und die Nürnberger Straße sind die beiden Hauptverkehrswege, die das Ringgaugebiet durchschneiden oder berühren. Eine dritte Hauptlinie streift das Gebiet im Osten, ohne für dieses von größerer Bedeutung zu sein. Es ist eine Straße von Nord- nach Süddeutschland, die von Hildesheim über Osterode, Duderstadt, Dingelstädt, Küllstedt, Struth, Nazza führt, das Ringgaugebiet in Mihla am Ostrande streift und von dort nach Eisenach weiterführt. Zahlreicher sind Neben-, Abzweiger-Linien und minder berechtigte, weniger verkehrsreiche Straßen im Ringgaugebiet.



Die Zollstätte Ulfen veranlasste im 16. Jahrhundert die Fuhrleute, sie auf der Linie über Wommen zu umgehen. Sie fuhren von Berka an der Werra entlang und von Wommen auf den Ringgau hinauf, in Richtung Alte(n)feld, von dort nach Datterode-Hoheneiche. Als Aufwege zum Ringgau können die Täler von Markershausen und Frauenborn gedient haben, die noch heute den Verkehr vom Ringgau nach der Eisenbahnstation Herleshausen vermitteln; als Abwege die über Netra oder Röhrda. Als der Schleichweg an der auffälligen Verminderung der Zolleinkünfte in Ulfen bemerkt wurde, verlegte man 1583 die Zollstätte nach Datterode.


Somit wurde das Ringgaugebiet von einer ost-westlichen Hauptlinie geschnitten, von zwei nordsüdlichen gestreift. An diesen haben sich nur zwei Punkte entwickelt: Eschwege und Creuzburg, beide bevorzugt durch die Lage am Flussübergang. Creuzburg erlitt im 18. Jahrhundert derartige wirtschaftliche Rückschläge, dass es sich bis heute nicht wieder erholen konnte.

Als so genannte hohe Straße kann man nur die über den Ringgau führende bezeichnen, vielleicht auch die von Ulfen nach Holzhausen. Alle anderen bevorzugten doch die Flusstäler. Die hohen oder Bergstraßen entstanden ja dadurch, dass man in nassen Jahreszeiten die Talwege schlecht passieren konnte. Und noch im 17. Jahrhundert ist dieser Gesichtspunkt so wichtig wie vielleicht ein halbes Jahrtausend früher.“

Im Folgenden beschreibt der Verfasser das „Zeitalter des Verkehrs in seiner Gegenwart“, das heißt, aus Sicht der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts.

„In der Gegenart, im Zeitalter des Verkehrs, ist die ursprüngliche Bedeutung der Landstarße auf die Eisenbahnen übergegangen (Anm.: Wäre das nicht schön?). Diese modernen Verkehrslinien haben dem Verkehr neue Bahnen gewiesen, alte Verkehrsplätze, die an Straßenknotenpunkten oder Flussübergängen günstig lagen, in ihrer Bedeutung zurückgebracht, neue dagegen emporgehoben. Eine Zeitlang beherrschte die Eisenbahn den Überlandverkehr ausschließlich; erst in neuester Zeit beginnen bei ihm die Kraftwagen für Personen- und Lastenbeförderung eine Rolle zu spielen und damit die Landstraßen wieder im alten Sinn als Verbindungslinien entfernter Landesteile zu benutzen (vgl. „Aus der Geschichte Datterodes“). So sehr sonst seit der Erfindung der Eisenbahnen der Ausbau der Landstraßen gefördert ist, so weitgehend sich auch ihr Netz verdichtet hat: Es geschah doch alles nur unter dem Gesichtspunkt, Zubringerstraßen zu dem neuen, in seiner Wirkung überwältigenden Verkehrsmittel, der Eisenbahn, zu schaffen.

Die Cassel-Eisenacher Straßenlinie, die so genannte sächsische oder Leipziger Straße („die langen Hessen“), ist für eine Eisenbahnlinie nicht in Betracht gekommen. Die Cassel-Eisenacher Bahn ist über Bebra geführt worden, 1849 erbaut. Sie berührt das Ringgauvorland nur an der Südgrenze bei Wommen, Herleshausen und Hörschel. An der Westgrenze, im Wohra- und Sontratal, führt die 1876 vollendete Linie Göttingen-Niederhone-Bebra entlang. Sie wird gekreuzt von der 1879 erbauten „strategischen“ Bahn Berlin-Koblenz, und zwar der Teilstrecke Leinefelde-Eschwege-Niederhone-Treysa. Im Anschluss an diese Linie haben sich von Eschwege ab Nebenbahnen entwickelt; die wichtigere ist die Werratalbahn Eschwege-Wanfried-Treffurt-Mihla-Creuzburg-Wartha, deren Strecke Treffurt-Wartha erst 1907 gebaut wurde; sie erschließt das schöne, aber vom Verkehr abgelegene Werratal. Neu sind ferner Verbindungsbahnen Treffurt-Mühlhausen und Eschwege-Heiligenstadt; es sind beides Gebirgsbahnen. …… Die am meisten in der Mitte gelegenen Ortschaften Lüderbach, Rittmannshausen, Renda und Netra haben beträchtliche Entfernungen von der nächsten Bahnstation, 10 bis 11 Kilometer.


Für die Ganze Westhälfte des Ringgaues und das Ulfetal ist Hoheneiche die Bahnstation, und es ist gewiss kein Zufall, dass gerade dort, neben der Ladestelle des Bahnhofs, eine große moderne Mühle entstanden ist (vgl. „Aus der Geschichte Datterodes“).


Auf der Cassel-Eisenacher Landstraße über Netra bewegt sich heute (bewegte sich damals) ein nur schwacher Durchgangsverkehr. Der Lokalverkehr zieht sich beiderseits der Wasserscheide von Netra abwärts nach Hoheneiche, von Rittmannshausen nach Creuzburg. Das Zwischenstück Netra-Ifta wird vom Lokalverkehr am wenigsten benutzt. Den Postverkehr mit den Eisenbahnstationen vermitteln kleine Gespanne; Personenverkehr ist nicht eingerichtet (nach Erscheinen dieses Werkes wurde Personenverkehr eingerichtet; vgl. „Aus der Geschichte Datterodes“). Die Cassel-Eisenacher Landstraße erlebte zum letzten Male ein geschichtliches Ereignis in den letzten Junitagen des Jahres 1866, als preußische Truppen von Cassel her durch den Ringgau marschierten, um den auf Langensalza vorgehenden Hannoveranern den Weg abzuschneiden (am Ende des Zweiten Weltkrieges nutzen vorrückende US-Truppen diese Straße; vgl. „Aus der Geschichte Datterodes“ und „Veranstaltungsarchiv 2005, Das Kriegsende und das Soldatengrab in Datterode“).

Die äußere Gestalt der Ansiedlungen
Der Siedlungstyp
Auf der Basis von Forschungen auch anderer Wissenschaftler unterscheidet Gehsldorf Einöd-, Waldhufen-, Weiler- und Gewannflurtypen. Diese vorausgesetzt, ist das Gebiet des Ringgaus und seines Vorlandes eines der Gewannflusiedlungen, und zwar beherrschen sie das Bild ausschließlich, wie es bei einem so wenig umfangreichen Gebiet auch nicht zu verwundern ist.

„Die alte Gewanneinteilung ist bei einigen Dörfern auf den Flurnamen noch deutlich zu erkennen, am besten bei Langenhain; in der Regel ist das Bild der ursprünglichen Flureinteilung durch die in den meisten Fällen durchgeführte Separation verwischt. Bei der Einführung der Separation ist auch die Dreifelderwirtschaft verschwunden, und nur einige Ortschaften – unter ihnen Renda, Breitzbach, Schnellmannshausen – haben sie noch ……..
An der Tatsache, dass die Dreifelderwirtschaft die ursprüngliche Flurform war, kann nicht gezweifelt werden. Sie ist aus der Feldgraswirtschaft hervorgegangen, die die Wirtschaftsform der Germanen war. Und dass das niederhessisch-thüringische Gebiet sehr altes Germanengebiet ist, steht fest. Somit ist der heutige Zustand das Ergebnis einer uralten, folgerichtigen Entwicklung. Mit dieser zusammen hat das Germanendorf die seine durchlaufen. Der Begriff Haufendorf ist nur die Grundrissform bezogene Neubezeichnung des Germanendorfes. Es muss noch darauf hingewiesen werden, dass das Gewanndorf die angestammte Siedlungsform der offenen Landschaft ist. Dies entspricht also dem, was in den früheren Abschnitten dieser Abhandlung über die landschaftlichen Verhältnisse des Ringgaus gesagt worden ist, nämlich, dass man eine größeren Teils lichte, mit spärlichem Wald- und vorwiegendem Buschwuchs bestandene Landschaft annehmen muss, die Wald- und Buschsteppe und nur in bestimmten Teilen dichten, geschlossenen Wald.“

Die Grundrissformen der Siedlungen
„Drei Hauptgruppen werden unterschieden: Die Kleinsiedlungen – einzelne Häuser und Gehöfte und Gruppen solcher ohne Dorfcharakter, die Dörfer sowie Flecken und Städte. Die Dörfer gliedern sich in solche, die sich linienhaft erstrecken – Reihen-, Straßen-, Gassendörfer und solche rundlicher Form. Im Wesentlichen finden sich nur Dörfer der letzten Gruppe im Ringgaugebiet, und zwar beherrscht der Typ des Gewann- oder Haufendorfes in mannigfachen Abwandlungen die Grundrissformen. Rundlinge im eigentlichen Sinn des Wortes finden sich überhaupt nicht, ihr Verbreitungsgebiet beginnt erst weiter im Osten.  Der reine Typ des Straßen- und Reihendorfes ist ebenfalls nicht vertreten. Überhaupt ist die Bezeichnung „Straßendorf“ nicht glücklich; sie haftet an einem ganz besonderen Typus im slawischen Gebiet, von dem hier nicht die Rede ist. Für lang gestreckte Dörfer im germanischen Gebiet wird der Ausdruck „Kettendorf“ vorgeschlagen.

Für das Ringgaugebiet lässt sich folgende Einteilung rechtfertigen:

  1. Kleinsiedlungen
  2. Dörfer:
    1. kleine Dörfer mit unbestimmtem Grundriss;
    2. Haufendörfer mit einem erkennbaren Kern;
    3. solche ohne erkennbaren Kern, mit unbestimmtem Grundriss;
    4. solche von länglicher Form, im Anschluss an Wege entwickelt;
    5. solche mit auffallend geraden Wegen;
    6. Dörfer in extremer Längserstreckung: Kettendörfer.
  1. Städte

Bei den Haufendörfern mit einem erkennbaren Kern liegt meist ein freier Platz der Gruppierung der Gehöfte zugrunde, und oft ist dieser Platz durch die Gestaltung es Geländes bedingt. Nicht selten ist er nachträglich verbaut worden, so dass es schwer fällt, ihn festzulegen. Die Dörfer, die sich im Anschluss an Wege oder gewisse, durch die Natur vorgezeichnete Linien entwickelt haben, zeigen im Ringgaugebiet zuweilen eine so einseitige Ausbildung, dass hier eine besondere Gruppe eingeführt werden kann, für die die Bezeichnung Kettendorf nicht unangebracht ist. Freilich muss betont werden, dass die Kette der Gehöfte doppelt ist, sich nämlich beiderseits der Dorfstraße entlang zieht……“

Bezogen auf die Ortsteile der heutigen Gemeinde Ringgau lassen sich die einzelnen Dörfer wie folgt zuweisen:

Haufendörfer mit einem erkennbaren Kern:
Lüderbach, Grandenborn (sogar mit zwei Kernen)

Regellos gebaute Haufendörfer:
Datterode, Röhrda, Renda

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Deutlich erkennbar ist Datterode als „regellos gebautes Haufendorf“ zu klassifizieren;
hier auf einem Winterfoto aus den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts.

Ausgesprochene Längserstreckung oder Anlehnung an vorhandene Weglinien und Straßen:
Netra

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Postkarte von Netra aus den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts.

Zu Rittmannshausen finden wir keine Aussage.

Das Dorfbild
„Das Dorfbild ist im ganzen Ringgaugebiet überall das des mitteldeutschen Bauerndorfes mit fränkischer Hofanlage. Mag im einzelnen die Tätigkeit der Bevölkerung nicht überall mehr eine rein landwirtschaftliche sein, so ist doch dieser Wechsel nirgends so weitgehend, dass er das Aussehen des landwirtschaftlichen, vorwiegend auf bäuerlicher Grundlage beruhenden Dorfes tief greifend hätte verändern können.

Das wesen der fränkischen Hofanlage besteht bekanntlich in der Trennung von Wohnhaus, Stallungen und Scheune. Dabei ist er Giebel des Wohnhauses in der Regel der Straße zugekehrt; Abweichungen von dieser Regel sind stets durch besondere Gründe örtlicher Natur veranlasst. Nur bei Einzelhöfen und Gehöftgruppen findet man oft eine willkürliche Stellung der einzelnen Gebäude zueinander. Das Wesen der mitteldeutschen oder fränkischen Hofanlage sei hier kurz dargelegt: Das Wohnhaus kehrt den Giebel nach der Straße, die außen liegende Längswand nach dem Nachbarhof, die andere nach dem eigenen Hof, wo in der vorderen Hälfte des Hauses die Tür ist. Sie führt auf den Flur, den Ern, durch den es zur Küche geht, die ihr Fenster nach dem Nachbargrundstück hat. Vom Ern nach der Straße zu liegt die Wohnstube, aus deren Fenster – meistens drei – man die Straße wie den Hof überblicken kann. Dahinter liegt eine Kammer, die oft nur durch eine halbe Wand von der Stube abgetrennt ist. Im oberen Stockwerk, das nie fehlt, liegen Schlafkammern und die „Wurst“- oder Vorratskammer. An den hinteren Teil des Hauses Teil des Hauses schließt der Stall an. Zuweilen enthält dieser Teil auch noch Wohnräume, die in großen Häusern auch abvermietet sind. A das hintere Ende des Wohn- und Stallgebäudes schließt sich senkrecht die Scheune an. Der übrige Teil des Hofes ist gewöhnlich frei.

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Deutlich sichtbar die Hofanlage fränkischen Zuschnitts beim heute so  nicht mehr existenten
Hof Hartmann in der Hintergasse Datterode (heute Brunnenstraße 9).
Rechts noch zu erkennen das Backhaus, das den Hof einschloss.

Dieses Schema erleidet überall kleine örtliche Abwandlungen mach der Größe des zur Verfügung stehenden Raumes, nach den Mitteln und Bedürfnissen des Inhabers, nach der Entwicklung des einzelnen Hofes im Lauf der Jahrzehnte oder Jahrhunderte. Gewöhnlich trägt die Mehrzahl der Gehöfte ein und desselben Dorfes die gleichen Merkmale, so dass sich meist schon aus dem Aussehen des Dorfes ein Schluss auf Tätigkeit und Wohlhabenheit der Einwohner ziehen lässt.

In seiner dürftigsten Form ist das mitteldeutsche Bauernhaus heute das Haus des Landarbeiters, des Tagelöhners, oder des auswärts arbeitenden, im Dorf beheimateten Arbeiters. Typisch ausgebildet ist es in Datterode, Wommen und Langenhain, wo es ganze Straßenzüge beherrscht; dann tritt es natürlich noch in einer großen Anzahl anderer Dörfer auf. Es ist im ganzen recht klein, mehr hoch als breit: Nur vier Gefäche breit, aber nur höchst ausnahmsweise ohne Obergeschoss. Der Hof ist entsprechend unentwickelt; die Stelle des Stalles nimmt oft eine kleine Werkstatt ein. Vom Hof ist oft das Wohnhaus gegenüber liegende Stück als garten benutzt. Liegen die Gehöfte an einem Abhang, was nicht selten ist, so ist die ganze Vorderfront untermauert, der kleine Garten leidlich eben aufgeschüttet.

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Blick in die „Hingergass’n“in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts.
Deutlich sichtbar, dass die Giebel der Wohnhäuser zur Straße stehen
(Hintergasse – heute Brunnenstraße von Datterode).

Das Gehöft kleiner Bauern unterscheidet sich vom vorigen durch einen entsprechenden Ausbau aller Teile bis zu der erforderlichen Größe. Weiterhin lassen sich mit wachsendem Wohlstand der Besitzerfamilie zwei Arten unterscheiden: Einmal wächst das ganze Anwesen an äußerem Eindruck durch Umbauung des ganzen Hofes; erst wird die dritte Seite, nach dem Nachbargrundstück hin, mit einem Schuppen, einem Heuboden oder dergleichen abgeschlossen, wodurch das ganze Gehöft ein bedeutend geschlossenes Aussehen gewinnt, z. B. in Ifta, Grandenborn und Renda; nicht selten wird dann zuletzt auch die Straßenseite verbaut und ein Torweg in dem abschließenden Gebäude angelegt (Renda).

Nicht selten ist übrigens der Bauer auch Müller. Dann liegt jedoch die Mühlenanlage nie getrennt, sondern am Wohnhause selber, meist am hinteren teil, wo sich sonst die Stallungen befinden. Das Wasserrad befindet sich an der Außenwand, und es ist dem Gehöft von der Straße aus überhaupt nicht anzusehen, dass es eine Mühle hat.

Die Fälle, dass die Wohnhäuser mit der Längsrichtung nach der Straße liegen, sind hauptsächlich auf nachträgliche Um- und Neubauten zurückzuführen. Sie beweisen einen sekundären Vorgang. Nur gelegentlich ist die Geländegestaltung schuld an solcher Hauslage.

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Ausgemauerte Gefache am 1899 erbauten Haus Landstraße 139
(heute Leipziger Str. 57) in Datterode;
aufgrund des dahinter liegenden Geländes (Fels) längs zur Straße gebaut.

Der Abschluss der Gehöfte nach der Straßenseite geschieht im Hessischen durch Zaun, niedrige Mauer oder Gatter mit mehr oder minder niedrigen Torflügeln und einem Nebeneingang für Personen. Der gemauerte Torbogen ist dagegen thüringisch. Netra hat ihn  allerdings auch, obwohl es im hessischen Gebiet liegt…….

Spricht sich in der Ausgestaltung von Haus und Hof das Können und das Wollen des Besitzers aus, so beweisen wieder andere Erscheinungen im Dorfbild die Abhängigkeit vom Boden und der umgebenden Landschaft…...

Kleine Gärten am Hof selbst sind, wie erwähnt, keine seltene Erscheinung. Sie beeinflussen das geschlossene Ortsbild nicht. Dagegen machen einige Dörfer eine bemerkenswerte Ausnahme. So ist u. a. Grandenborn weitläufiger angelegt und weist größere Garten- und Wiesenflächen innerhalb des Dorfes auf. Diese Erscheinung weist auf reichlich vorhandenen Platz hin, den man bei der Anlage der Gehöft zu ihnen schlagen konnte, so dass zu jedem ein großes Stück Gartenland gehört……

Hinsichtlich des Baumaterials spricht sich überall eine sehr sichtbare Abhängigkeit vom Gelände aus. Konstruktiv beherrscht der Fachwerkbau das ganze Bild: Bei Wohnhaus wie Nebengebäuden, ja sogar so kleinen Baulichkeiten wie den Backofenhäuschen. Das Fachwerk erhebt sich auf einem stets massiven Unterbau, in dem die Kellerräume liegen (diese sind, wenn das Haus an einem Abhang gebaut ist, auch von außen zugänglich). Der Unterbau besteht aus Quadern von Bausandstein (mittlerem Buntsandstein) oder Trochitenkalk. Eine der beiden Gesteinsarten ist doch stets, und wenn auch in einiger Entfernung vom Dorf, zu brechen.

Bei der Ausfüllung der Gefäche verwendet man weniger feste Stoffe. Auf den diluvialen Terrassen sind die Gefäche meist mit örtlich gewonnenem Lehm ausgefüllt.

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Blick in ein (renovierungsbedürftiges) Gefach.
Deutlich sichtbar die Konstruktion
mit so genannten „Fitzgerten“,
Weidengeflecht als Untergrund für die Lehmfüllung,
die mit gehacktem Stroh gemischt wurde.

Steinausfüllung ist dort selten. Diese herrscht vor im Sandstein- und Muschelkalkgebiet. Hier sind die ursprünglichen Verhältnisse heute noch am besten an den Nebengebäuden zu beobachten, da sie naturgemäß einfacher und billiger als das Wohnhaus gebaut sind. So findet man auf der Muschelkalkhochfläche, in Grandenborn und den Nachbarorten, zuweilen ein ganzes Fach durch eine einzige Steinplatte ausgefüllt. Häufiger sind natürlich kleinere Stücke. Beim Wohnhaus werden sie notgedrungen, mangels anderen Materials, mit eingemauert: Sie sind wegen der Kälte des Stein nicht geschätzt. Im Sandsteingebiet herrscht natürlich der Bausandstein in behauener Form vor. Langenhain bietet sehr gute Beispiele: Die Wohnhäuser oft aus Lehmfachwerk, sonst alles aus Bausandstein. Scheune, Torpfeiler, Backöfen usw. sind aus Bausandstein. Selbst hoch, über Tür- und Torbalken gelegene Gefäche sind mit schweren Sandsteinquadern ausgefüllt. Ziegelsteinausfüllung in den Gefächen ist jüngerer Herkunft; sie wirkt nur selten ansprechend.

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Hof Fischer in der heutigen Brunnenstraße in Datterode. Sichtbar der
„hessische Zaun“, das Tor und noch zu erkennen die Torpfeiler aus Sandstein.

Die Lehm- und Steingefäche werden nach Möglichkeit getüncht, und zwar sollen sie eigentlich jährlich neu geweißt werden. Auch dieses ist ein Zeichen des Wohlstandes der Einwohner. Ungetünchte Häuser, bei denen der Stein oder Lehm kahl und hässlich offen liegt, verraten die Bedürftigkeit der Besitzer.“

Wussten Sie im Übrigen, dass an fast allen alten Häusern ein Weinstock wuchs und in Hausnähe ein Birnbaum stand? Diese Planzungen dienten nicht nur der Ernährung. Beide Gewächse sind Pfahlwurzler, die die Feuchtigkeit vom Fundament fern hielten!

„Eine sehr wesentliche Rolle im Dorfbild spielen Kirche und Anger. Der Platz der Kirche soll stets ein möglichst erhabener sein; die Kirche ist das Wahrzeichen des Dorfs und soll weithin sichtbar sein. So liegt die Kirche bei allen auf Böschungen gebauten Dörfern mit am höchsten; vielfach ist sie das höchste Gebäude (zur Datteröder Kirche vgl. unter „Die Kirche“).

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Als Wahrzeichen blickt die Datteröder Kirche über das Dorf.

Die Erscheinung ist ganz durchgehend, und nur Scherbda macht eine Ausnahme: Hier liegt die Kirche einmal zuunterst im Dorf. Niemals ist sie sonst, sofern der Dorfraum an einen Abhang stößt, auf der Talsohle zu finden, und mit Vorliebe sucht sie sich leichte Bergausläufer aus. Ein Grenzfall ist wieder Eltmannshausen, wo die einzeln stehende Kirche vom Berg auf den Ort herabschaut.

Der Anger fehlt in keinem Dorfe (zum Datteröder Anger siehe unter „Der Anger“); es ist ein ebener, selbst gestampfter Platz von sehr verschiedenem Ausmaß. Gewöhnlich beschatten ihn alte Linden; eine Steinumfassung hegt ihn ein, oft sind Steinbänke und Steintische vorhanden. Als Tanzplatz diente der Anger früher und wird heute zuweilen noch zu demselben Zweck benutzt…..

Die meisten Dörfer, auch die, welche eine Wasserleitung angelegt haben, haben noch die alten Brunnen, oft in größerer Zahl. Es sind ausgemauerte Zisternen, die über dem Erdboden entweder kreisförmig hochgemauert sind; oder es ist aus vier aufgerichteten Kalksteinplatten eine Umfassung hergestellt, über der die Rolle liegt. Ein einfacher Holzverschlag deckt den Brunnen ab. Am einfachsten sind die Brunnen der Hochflächendörfer, Zisternen oder ausgehauene Grotten am Abhang, die mit einem Gatter verschlossen sind. Einen Ziehbrunnen mit Schwebebalken weist Altenburschla auf.“

 

Die wirtschaftlichen Typen der Ansiedlungen
Gehlsdorf unterscheidet dazu bei den 73 Hauptwohnsitzen des Ringgaugebietes (bei Nebenplätzen ergibt sich diese von selbst gemäß ihrem Daseinszweck):

1. Kleinsiedlungen. Sie sind landwirtschaftlicher Natur und zerfallen in:

  1. Einzelhöfe oder Gruppen von solchen, die nicht Dorfcharakter haben;
  2. Güter und Domänen.

2. Dörfliche Siedlungen. Unter diesen sind zu unterscheiden:

  1. Reine Bauerndörfer. Sie sind nicht zahlreich. Nur selten kann der Boden noch die vorhandene Bevölkerung durch Landbau ernähren. In den reinen Bauerndörfern ist nur ein sehr kleiner Bruchteil der Bevölkerung ohne Landbesitz und nicht landwirtschaftlich tätig.
  2. Landwirtschaftliche Dörfer mit Überwiegen des Bauernstandes und daneben mit Kleinbetrieben und Landarbeiterbevölkerung. Dieser Art ist die Mehrzahl der Siedlungen im Ringgaugebiet. Sie ist aus der vorherigen hervorgegangen; der Ursprung war das reine Bauerndorf; jedoch konnte die landwirtschaftliche Tätigkeit nicht mehr alle Bewohner ernähren; ohne sich von der Scholle zu lösen, suchten diese Leute eine andere Tätigkeit; daneben bewirtschafteten sie ihr kleines Stück Acker weiter.
  3. Dörfer mit Überwiegen des Kleinbetriebes. Die Entwicklung ist hier schon weiter gegangen, vielleicht schon in ungesunde Bahnen eingetreten. Reine Bauernhöfe sind eine Seltenheit im Dorfbild geworden. Die Entwicklung vom reinen Bauerndorf zu dem des vorherrschenden Kleinbetriebs ist vor allem an der Erscheinung der Gehöfte wahrzunehmen, die zunehmend kleiner, dürftiger und ärmlicher werden und sich vom Aussehen und Wesen des mitteldeutschen Bauerngehöfts immer weiter entfernen.
  4. Reine Gutsdörfer. Sie sind wenig zahlreich. Baulich und wirtschaftlich beherrscht das Gut die Ansiedlung. Einen Bauernstand gibt es daneben im Dorf nicht; die Bevölkerung besteht im Wesentlichen aus Gutsarbeitern, die ein wenig Landwirtschaft für sich betreiben.
  5. Gemischtwirtschaftliches Dorf. Es umfasst ein Gut, das oft den meisten und besten Boden besitzt, einige vermögende Bauern und einen großen Teil Land- und Stadtarbeiterbevölkerung in den gekennzeichneten kleinwirtschaftlichen Verhältnissen. Dörfer dieser Art sind nicht selten.
  6. Das in seiner Entwicklung fortgeschrittene Dorf mit gewerblichem Einschlag, zuweilen auch Industrie; in ihm finden sich alle Erscheinungen vereinigt; es sind die größten Dörfer des Gebietes, deren Aussehen sich dem des Fleckens nähert.
  7. Die Landstädte. Sie sind nur die Weiterentwicklung des eben beschriebenen Typs, weisen neben Ackerbürgern vor allem etwas Industrie auf, dementsprechend Arbeiterbevölkerung (Wanfried, Treffurt, Creuzburg).
  8. Die Mittelstadt. Die Kreisstadt Eschwege. In ihr sind alle Erwerbszweige bis zum Intellektuellen, vom Gelegenheitsarbeiter bis zum Fabrikbesitzer vertreten.

In Großburschla war eine Klosteransiedlung, in Renda war ein Weihbischof ansässig. Aber Großburschla liegt abseits von den Verkehrsstraßen, es fehlt ihm auch alles Hinterland; so ist seine Weiterentwicklung unterblieben und Treffurt wie Wanfried haben diese übernommen. Renda war bei seiner abgelegenen Lage von vornherein zum Stehen bleiben verurteilt; noch eher kann man sagen, es hat einen Rückgang erlebt…..

Hinsichtlich der übrigen Ansiedlungen im Ringgaugebiet ist nur zu sagen, dass die Landwirtschaft noch überall vorherrscht. Eine geringe Anzahl ungünstig gelegener Siedlungen weist einen starken Prozentsatz der Arbeiterbevölkerung auf, die aber auch nebenbei Landwirtschaft im Kleinen betreiben.


Der eigentliche Ringgau ist trotz seiner schlechten Bodenverhältnisse ein rein landwirtschaftliches Gebiet. Früher war der überwiegende Bodenanteil Gutsbesitz. Grandenborn, Archfeld und Pferdsdorf sind die einzigen Dörfer, die keinen ehemaligen Gutshof aufweisen. Heute ist ein großer Teil des Bodens Eigenbesitz. Der magere Boden des Ringgaus hat seine Bewohner nicht arm gemacht und verkommen lassen, sondern einen genügsamen und fleißigen und darum wohlhabenden Bauernstand herangezogen.

Zusammenfassung
„Im Herzen Mitteldeutschlands gelegen, weist das Gebiet des Ringgaus und seines Vorlandes die meisten Charakterzüge der mitteldeutschen Landschaft auf. Breite Talauen und enge Felsdurchbrüche bietet der Werralauf, freundliche Täler mit schmaler Sohle und steilen Waldabhängen haben die kleineren Zuflüsse….. Ein Blick von der Felsenmauer des Heldrasteins herab gehört mit zu den großartigsten Fernblicken, die Mitteldeutschland bietet…. Die Hochfläche des Ringgaus bietet einen starken Gegensatz zu ihren Abhängen; es ist eine freie, leicht wellige Landschaft. Auf engem Raum finden sich also beträchtliche landschaftliche Gegensätze und mit ihnen große landschaftliche Schönheiten.

Es ist durchschnittlich ein nur mäßig ertragreicher Boden, den das Ringgaugebiet darbietet; fruchtbar sind nur der Keuper und die diluvialen und alluvialen Ablagerungen; andere Strecken dagegen sind nur durch die Forstwirtschaft nutzbringend zu verwerten. Bodenschätze bietet der Ringgau fast nirgends dar; nur ein wenig Gips und neuerdings Rötsalze werden abgebaut. So ist denn das Gebiet ein überwiegend landwirtschaftliches, und das landwirtschaftliche Wesen drückt ihm überall den Stempel auf. Man betritt Gemarkungen, in denen auch heute die Separation noch nicht stattgefunden hat, in denen sich die Bewohner bei den alten Zuständen sehr wohl fühlen und zähe an ihnen hängen. Der landwirtschaftlicher Bevölkerung eigene Konservativismus prägt sich gerade im eigentlichen Ringgau deutlich aus.

Trotz der großen Landstraße von Cassel nach Eisenach, die den Ringgau schneidet, wird das Kernstück des Gebiets, der Ringgau, nur von den letzten, verebbenden Wellenbewegung des großen Verkehrs getroffen, und diese Tatsache trägt wesentlich dazu bei, dass der landwirtschaftliche Charakter dieses Landesteils gewahrt bleibt. Zu einer Änderung dieser Verhältnisse liegt keine Veranlassung vor. Der moderne Verkehr wird immer den Ringgau rings umfluten, während auf seinen Höhen das alte Bild erhalten bleiben wird. Wesentlich anders liegen natürlich die Verhältnisse im Werratal, das industriellen Einflüssen eher ausgesetzt ist, das dem Verkehr offen liegt und das vielleicht durch die Schiffbarmachung der Werra eine einschneidende Umgestaltung erleben dürfte.

Auf dem Ringgau hat der Wanderer den Eindruck, dass er alten, eingebürgerten Wirtschaftsverhältnissen gegenübersteht; vor hundert oder zweihundert Jahren kann das Bild der Ansiedlungen und der Fluren kaum ein anderes gewesen sein wie heute; damals ernährte die Landwirtschaft die Bevölkerung, und heute ernährt sie noch den größten Teil; und es macht den Eindruck, dass diese Verhältnisse noch so bleiben werden. Zu dieser Annahme ist man umso mehr berechtigt, als die Verkehrsverhältnisse fest geworden sind und den Ringgau künftig ebenso wenig beeinflussen werden wie heute.

Es hat in der unbesonnen vorwärts haftenden, überstürzt fortschreitenden und rettungslos in Maschinenkultur aufgehenden Gegenwart etwas unbedingt Tröstliches, ein Gebiet zu finden, das diesen vielfach zersetzenden und ungünstigen Einflüssen nach Möglichkeit entzogen ist und seine solide landwirtschaftliche Grundlage beibehalten kann. Solch ein Gebiet ist der Ringgau.“

Abschlussbemerkung
Wenn Gehlsdorf auch nicht in allen Fällen die Zukunft vorhersehen konnte, so erkennen Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, wie er aufgrund historischer und wissenschaftlicher Tatsachen und Erkenntnissen ein Bild des Ringgau zu seiner Zeit schildert, das von Einfühlungsvermögen und Liebe zu dieser unserer Region geprägt ist. Die rasant fortschreitende Entwicklung des Ringgaus, die zuletzt nach der Wiedervereinigung Deutschlands den Ringgau wieder in Mitte der Republik gerückt hat, konnte er so sicherlich nicht voraussagen, oder gar erahnen. Dass er aber es „tröstlich“ findet, dass der Ringgau, bevölkert von der Heimat verbundenen, zufriedenen Menschen, ein ruhender Pol in der Aufgeregtheit der Zeiten ist, sollte die Menschen hier zum Nachdenken anregen, sie zum Bewahren der gottesfürchtigen, ruhigen Gelassenheit anhalten – dies im Bewusstsein einer historisch bedeutsamen und interessanten Geschichte der Region.

Nicht zuletzt wird dies deutlich in der Widmung, die Gehlsdorf seinem Werk voran stellte:

„Allen Freunden der Heimatkunde in Eschwege und im Ringgau gewidmet“

In der Denkmaltopographie der Bundesrepublik Deutschland – Kulturdenkmäler in Hessen – Werra-Meißner-Kreis I – Altkreis Eschwege, können Sie im Übrigen auf den Seiten 302-347 in Bild und Schrift zu der noch fast aktuellen Baustruktur nachschauen und entsprechend schützenwerte Baukulturdenkmäler nachsehen (vgl. auch den Beitrag „Datteröder Denkmaltopographie und Kulturdenkmäler“).