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Der Begriff Ringgau

Der Ringgau – uralter Begriff für ein hessisch-thüringisches Grenzland 1

Innerhalb des großen Werrabogens zwischen Wommen und Großburschla, von der Werra linkswendig in einer Länge von etwa 60 Kilometern umströmt, liegt der Ringgau, eine auffällige Teillandschaft des Werra-Meißner-Landes.

In Jahrmillionen schuf die „Ur-Werra“ das eindrucksvolle Durchbruchstal zwischen Creuzburg und Falken mit den Ebenauer und Falkener Klippen und den mächtigen Bastionen des Kielforsts und Heldrasteins. Damit trennt der Fluss oberflächennah eine naturräumliche Einheit des westlichen Thüringer Beckens ab, die „hessische Halbinsel der thüringischen Trias“. Geologisch und geomorphologisch stellt nämlich der Ringgau den westlichen Ausläufer der Muschelkalkumrandung des Thüringer Beckens dar. Diese wird im Norden vom Eichsfeld, im Süden von den Waltershäuser Vorbergen gebildet. Die Tiefenerosion der Werra, Salztektonik und Störungen sowie Flächenabtragungen bewirkten die Freilegung der unterlagernden Buntsandsteinschichten und schufen im Ringgau und der Gobert (nördlich von Eschwege) so genannte „Zeugenberge“, welche die einst zusammenhängende Muschelkalktafel andeuten.

Die Koordinaten des Ringgaus sind im Westen 9°57’ beziehungsweise im Osten 10°20’ östliche Länge, im Norden 51°14’ und im Süden 50°59’ nördlicher Breite. In der älteren Literatur wird von einer annährend zwölf mal 12 Kilometer betragenden Ausdehnung des Ringgaus geschrieben, womit aber der hessische Teil des Ringgaus gemeint ist. Mit der zugehörigen Scherbdaer Platte in Thüringen ergibt sich dagegen eine Ost-West-Erstreckung von 21 Kilometern von der Boyneburg bis zum Werraknie bei Mihla.

 

Zum Namen „Ringgau“
Schon 993 wurde das Gebiet urkundlich als „Reinichsgau“ belegt. Dieser Name bezeichnete einen hessisch-thüringischen Grenzgau. Bis zum 13. Jahrhundert war das Gebiet thüringisch, danach wechselte es zwischen Hessen und Thüringen hin und her, bis es dann endgültig im Jahre 1436 zu Hessen kam. Für den geschichtlich belegten Gau nimmt man einen wesentlich größeren Umfang an als für den heutigen Ringgau.

In diesem Gebiet gab es klösterlichen und hessisch-landgräflichen Besitz sowie Reichsgüter in Netra und Herleshausen. Die am Nordwest-Rand der Hochfläche ein wenig isoliert liegende Reichsburg Boyneburg war die bedeutendste Stätte des Ringgaus. Hier weilte der Hohenstaufenkaiser Friedrich Barbarossa 1156, 1166 und 1188.

Der Name „Ringgau“ scheint sehr einfach deutbar, zumal seine Form einem lang gezogenen Ring ähnelt – dies wäre aber voreilig. Sein Name ist schwierig zu erklären, dabei aber hoch interessant. Wir versuchen, wesentlich unterstützt von Prof. Dr. Jürgen Udolph, eine zutreffende und gleichermaßen verständliche Erklärung:

Die ältesten urkundlichen Belege verzeichnen für das Gebiet:

  • 993 „in pago Reinichgouue“ (Monumenta Germaniae Historica (MGH), DO. III)
  • 1016Reinicgouue“ (MGH, s. E. Förstermann, Altdeutsches Namenbuch, Bd. 2; Orts- und sonstige geografische Namen,
    1. Hälfte, Bonn 1913, S. 565)
  • 1019 „in pago Reinicgowe“ (MGH, DH. II)
  • 1025 „in pago Reinicgouue situm“ (MGH, DK. II; H. Walter, Namenkundliche Beiträge zur Siedlungsgeschichte des Saale- und Mittelelbegebietes bis zum Ende des 9. Jahrhunderts, Berlin 1971, S. 311)

Wie diese Belege zeigen, kann man nicht von „Ring“ ausgehen. Förstemann (s. o.) lässt den Namen„Ringgau“ ohne Deutung. Walther (s. o.) schreibt: „… wohl zu althochdeutsch *Reininga (Sternchen = angenommenes, erschlossenes Wort) zu ‚rein’, ‚rain’ im Sinne von ‚Rand, ungepflügter Streifen zwischen Äckern’. Dies aber kann nicht stimmen; enn es liegt kein *’Reininga’, sondern ein *Reinik-gau vor.

Wahrscheinlich ist nach der zugrunde liegenden wissenschaftlichen Auseinadersetzung durch Prof. Udolph, dass im Namen ein Stamm wie im Ortsnamen Renda, eines Ringgau-Dorfes, enthalten ist: „Renda bei Eschwege, 9. Jahrhundert Reinede, 1144 Reinede, 1480 Reynde (gehört) zu deutsch ‚Raim’“. Es ist eine Verwandtschaft des Ortsnamens Renda mit dem Ortsnamen Rhene bei Hildesheim zu vermuten, das mit ‚Ren’ in Flussnamen beziehungsweise germanisch *rannjan, althochdeutsch rennan ,rinnen machen, rasch laufen machen’ in Verbindung gebracht werden kann. Dazu könnte man eine Grundform *Ren-ithi/*Ran-ithi annehmen. Eine parallel dazu ergebene Deutung von Möller (R. Möller „Dentalsuffixe in niedersächsischen Siedlungs- und Flurnamen in Zeugnissen vor dem Jahre 1200“, Heidelberg 1992, S. 92) sagt zu „Renda“: „Es liegt vermutlich eine –ithi-Ableitung vor, jedoch kaum zu mittelhochdeutsch/mittelniederdeutsch rein, ren ‚ungepflügter Streifen zwischen den Äckern’, allenfalls in einer Bedeutung von ‚Bodenerhebung (als Grenze?)’“.

Was drückte einmal das Suffix *-ithi- aus? Wenn man es anhängte, wollte man eine Aussage, die im Grundwort gegeben war, nur bekräftigen – im Sinne von, was im Grundwort steht, ist an diesem Ort, an dieser Stelle vorhanden, vielleicht in größerer Anzahl, auf jeden Fall in auffälliger Art und Weise. Das hieße, dass „Renda“ im Sinne von „mehrere, auffällige Bodenerhebungen (als Grenze?)“ aufzufassen wäre.

Was könnte nun „Rain“ vor etwa 1500 Jahren bedeutet haben? Die Norweger Hj. Falk und A. Torp führen unter dem Stichwort „Ren“ neben dem „ungepflügter Streifen zwischen Äckern, Ackerscheide“ noch aus: Schwedisch ren „grasbewachsene Kante um einen Acker“, neunorwegisch rein und reina „Wiesenstreifen zwischen Äckern, Grashügel am unteren Rande eines schrägen Ackers, Erdwall“, altnordisch *rein „grasbewachsener Erdstreifen, der die Grenze zwischen Äckern bildet = mittelhochdeutsch rên „Ackergrenze“, mittelhochdeutsch rein „begrenzende Erhöhung, Ackergrenze“. Außerhalb des Germanischen scheint bretonisch rûn „Hügel“ (von *roino)hierher gestellt werden zu müssen. Dazu ergänzt das „Etymologische Wörterbuch der Deutschen“ (Berlin 1989, Bd. 3, S 1364) mittelirisch rôen „Weg, Bergkette“. Letztlich liegt dieser Wurzel, die in allen germanischen Sprachen vorkommt, wohl die Grundbedeutung „Grenzstreifen“, „Hügelreihe“ zugrunde.

Nach dem Gesagten könnte müsste am wohl auch in dem Gaunamen „Ringgau“ die Bedeutung „begrenzende Erhöhung, Hügel, Bergkette, Hügelreihe“ sehen. Vielleicht zu allererst ausgehend von der Wahrnehmung des „Walls“ zwischen Heldrastein und Boyneburg, seiner Monumentalität, kaum überwindbaren Steilheit und Schutzfunktion in Form der Bastion, welche die Boyneburg trug, dann übertragen auf einen größeren „Grenzgau“ als den heutigen topographischen Ringgau – jetzt aber wieder im buchstäblichen altgermanischen Sinne einer „begrenzenden Erhöhung“ in Form einer „Bergkette“. Andere Wortdeutungen im Hinblick auf  „rain“ scheiden aus, da in frühmittelalterlicher Zeit altertümliche Wortbildungen in diesem Sinne nicht mehr gebräuchlich waren. Eher könnte die dargestellte Begriffsbestimmung für „Ringgau“ auf noch frühere germanische Zeiten verweisen, vielleicht auf ein Alter des Begriffs von bald 2000 Jahren.

Weil man das Wort „Ringgau“ nicht mehr verstand, wurde es durch ein verständliches, eben RINGgau, ersetzt, ungeachtet der Frage, ob das etymologisch richtig oder vertretbar ist. Die heutige Form muss man deshalb als klassischen Fall von Volksetymologie ansehen – vielleicht etwas beeinflusst durch das besondere „Charakteristikum“ der Hochfläche ähnlich einem lang gezogenen, elliptischen „Ring“, der wegen des Netra-Creuzburger Grabens im südöstlichen Teil breit geöffnet ist.

Die größten Höhen findet man am Rand der Ringgau-Muschelkalkplatte, weil der hier anstehende harte Wellenkalk der Verwitterung am stärksten widersteht, andererseits die rück schreitende Erosion die Steilformen „frisch“ hält. Der imposante Heldrastein markiert außerdem einen ehemaligen geomorphologischen Sattel.

So denkt man unwillkürlich an eine „Festung“ mit mauergleichen Bergzügen sowie hervorragenden Bastionen, wenn man, von Eschwege nach Süden, von Wanfried in Richtung Treffurt oder von Gerstungen sowie oberhalb von ihm auf der Autobahn A 4 in nordnordwestlicher Richtung und dann in östlicher fahrend, zum Ringgau-Plateau empor schaut. Der Ringgau erscheint dann fast wie ein isoliertes, jäh aufsteigendes kleines Gebirge. „Eckpunkte“ dieser „Festung“ sind im Nordwesten die Boyneburg (512,9 m) und im Nordosten der Heldrastein (503,4 m). Dazwischen treten die Graburg (495,0 m) mit ihrem westlichen Vorsprung, der Rabenkuppe (514,8 m), sowie ihrem östlichen, der Schäferburg (489,6 m), aus dem nahezu geradlinig und waagerecht verlaufenden „Mauerzug“ bastionsartig hervor. Die erst 1974 angelegte, mit 18 Prozent fast wie in den Alpen ansteigende Ortsverbindungsstraße L 3300 zwischen Rambach und Rittmannshausen (Sattel des Manrod 454,0 Meter hoch) könnte man als „abschreckende Zufahrt“, quasi als modernen „Halsgraben“ bezeichnen.

Eckpunkte im Süden sind der Schlossberg (451,8 m) mit dem Bergsporn, auf welchem die Ruinenreste der Brandenfels (452,3 m) stehen, sowie der Kielforst (437,0 m). Der Schlossberg zieht sich im Südwesten mit Dachsberg, Fernberg und Hasenkopf (457,0 m) als langer Bergzug bis zur ehemaligen Siedlung Hasengarten, soch erfolgt hier der Übergang zum Richelsdorfer Gebirge weniger auffällig als beim lang abfallenden Ostgrat des Kielforsts zur „Thüringer Pforte“ bei Hörschel mit dm weiter ostwärts sich hinziehenden Hörschelberg, Stedtfelder Berg, Ramsberg und den Geißköpfen.

Gewöhnlich wird die einstige Reichsburg Boyneburg (512,9 Meter) als höchste Erhebung des Ringgaus genannt; höchster Punkt ist aber die Rabenkuppe (514,8 Meter). Die Hochfläche des „inneren Ringgaus“ mit ihren sanften Bodenanschwellungn und flachen Terrainwellen hat ihren höchsten Punkt im Westen, nämlich ein wenig nordwestlich von Grandenborn (461,1 Meter). Am Westrand der Scherbdaer Platte erreicht der Stöckichtsberg noch 449,9 Meter.

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1. Artikel gleichen Namens m. w. N. von Heinrich Weigel (+) und Prof. Dr. Jürgen Udolph in „Das Werratal“, 1998, mit freundlicher Genehmigung von Prof. Dr. Udolph und dem Werratalverein Eschwege e. V.