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Die Gänsekerle

In unserer Gegend haben die Bewohner so ziemlich aller Dörfer einen Beinamen, der auf historische Personen oder den Erwerb des Lebensunterhaltes reflektiert. So sind die Weißenbörner die „Dörnermänner“, die Grebendörfer die „Sandhasen“ und die Eschweger die „Dietemänner“. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen. In alter Zeit waren die Datteröder als „Wacholderklopfer“ bekannt, ernteten sie doch zur Aufbesserung des kargen Lebensunterhaltes mittels eines an die Wacholderbüsche geklopften Stockes die Wacholderbeeren, um sie in der nahen Kreisstadt Eschwege bei Drogerien und Apotheken zu verkaufen. Dort wurde Medizin aus den Beeren bereitet.

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Martin Fischer auf dem Markt am Entenanger in Kassel

Im Zuge der Hugenotteneinwanderung aus dem Elsass kam die Sippe der „Fischer“ nach Datterode. Diese kauften und verkauften Federvieh. Dazu zogen sie mit der so genannten „Kötze“ (das Original befindet sich in unserem Museum) weit über Land. Zunächst mit Hunde- später dann mit Pferdegespann, mit Motorrad und letztlich Kraftwagen. Über die Zeiten dieses Handels, wurde die Fischerdynastie in Stadt und Land, von Eisenach bis Kassel bekannt. Daraus entwickelte sich der heutige Beiname „Gänsekerle“ für die Datteröder. Die Fischers gibt es heute immer noch im Dorf. Während ein Federviehhändler dieses Namens in 2007 verstarb, führt ein anderer diesen Handel fort, ein weiterer handelt mit Rindern.

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Peter und Sohn Reinhard Fischer am Marktstand in Kassel 1921

Legitimationskarte für inländische Kaufleute, Handlungsreisende und Handlungsagenten - Karte Nr 21, ausgestellt vom Bürgermeister Köbrich als Ortspolizeibehörde Datterode am 1. Januar 1923 für Christian Fischer I, in der bestätigt wird, dass dieser in Datterode einen Handel mit "Federvieh, Bettfedern, Wildbret, Kaninchen .. und Ziegenlämmern betreibt":



Der Symbolfigur „Gänsekerle“ hat der Heimatverein 2007 an der Netrafurt am Anger ein Denkmal errichtet. Vorlage für die Figur, die vom Steinmetz Jan Müller hergestellt worden war, war ein Foto von Jakob Fischer. Die Figur selbst stand zuvor seit einigen Jahren an der Bushaltestelle an der Leipzigerstraße etwas verloren herum. Nunmehr hat sie einen würdigen Platz an der Stelle, an der über Jahrhunderte hinweg die Gänse über den Anger in den Netrabach gegangen sind. 
Denkmaleinweihung

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Die Gänsekerle auf dem Weihnachtsmarkt in Kassel

Vor vielen Jahren mühsam bergan,
mit der Fischerkötze, den Hund im Gespann.
Unterwegs schon früh am Morgen kauften sie Federvieh,
zu Fuß über staubige Straßen,
die alte Fischerdynastie.
Als Gänsekerle weithin bekannt,
mit dem Pferdewagen auch im Nachbarland.
Kauften sie Hühner und Gänse und was sich sonst noch fand,
hoch auf den Wagen drauf geladen,
im schönen Thüringer Land.
Klappernde Hufe, sternklare Nacht,
auf dem Weg nach Hause lebende Fracht.
Gekaufte Hühner und Gänse und was sich sonst noch fand,
hoch ihre Wagen vollgeladen,
heil dir, du Thüringer Land.
Nachbarn und Kinder mussten mit ran,
rupfen und verpacken, ab nach Kassel dann.
Die allerbesten Weihnachtsgänse, die gab es nur am Stand
der Datteröder Gänsekerle,
ein Hoch dem Ringgauer Land.

Karl Beck

arrowFotoarchiv Gänse und Gänsekerle