deen

Märchen und Sagen rund um die Boyneburg

Unsere Gegend ist voll von Sagen und Märchen. Bezogen auf die Boyneburg und ihr landschaftliches Umfeld lesen Sie im Folgenden eine Auswahl:

Der Schatz auf der Boyneburg
(Aus:Sagen und Märchen des Werralandes", Werra-Verlagsgesellschaft m. b. H. Eschwege 1949)

Eine arme Witwe aus Datterode suchte einmal auf der Boyneburg Futter für ihre Ziege. Weil nun zwischen dem alten Gemäuer viele saftige Kräuter wuchsen, kletterte sie auf den Steinen und Mauerresten umher. Da rutschte sie plötzlich ab und fiel einen Abhang hinunter. Erst am Abend, als ihre Söhne gekommen waren, sie zu suchen, konnte sie mit einem Strick wieder heraufgezogen werden. Da erzählte sie denn, dass sie in einen alten Keller gefallen sei; da sei ein eisernes Gitter gewesen, und hinter dem Gitter habe sie viele Truhen mit Gold und Silbermünzen und viele goldene Ketten, Ringe und Spangen, mit Edelsteinen besetzt, gesehen.

Da hat nun in der nächsten Zeit ein Suchen nach den Schätzen der Boyneburg angefangen;
aber das Gitter, hinter dem all der Reichtum verborgen liegt, hat bis heute keiner gefunden. Auch Männer von Sontra haben einmal eifrig nach dem Schatz auf der Boyneburg gesucht.
Da fanden sie tief unten in einer Kellerdecke einen kleinen, verwachsenen, ganz nackten Mann. Und weil er Ihnen auf alle ihre Fragen keine Antwort gab, nahmen sie ihn mit nach der Stadt und warfen ihn ins Gefängnis. Dort ließen sie ihn hungern und spannten ihn sogar auf die Folter, aber das Männchen hat nichts von dem Schatz der Burg verraten, es blieb stumm und gab keinen Laut von sich. Da ließen es die Sontraer nach einiger Zeit wieder laufen. Schnell wie ein Wiesel und auf allen Vieren lief der unheimliche Geselle wieder nach der Boyneburg, wo er in einem Kellerloch verschwand. Niemand hat ihn wieder gesehen.

Das weiße Männchen auf der Boyneburg
(Aus: Karl Gier, „Sagen unserer Heimat", Eigenverlag 2001, m. w. N.)

In den Spinnstuben der ehemals zum boyneburgischen Gericht gehörenden Ortschaften wurde einstmals von den großen Schätzen gern und viel erzählt, welche unter den Trümmern der längst zerstörten Burg ruhen sollen. Ein junger Mann aus Grandenborn, welcher auch davon gehört hatte, beschloss deshalb eines Tages, sich auf den Weg zu machen und auf dem Burgberg nach den Kostbarkeiten zu graben. Er wählte dazu eine mondhelle Nachtstunde und fing mit Hacke und Spaten rüstig an zu graben. Er war noch nicht weit mit seiner Arbeit gekommen, da stand plötzlich vor ihm ein kleines, weißes Männchen, das richtete seine blitzenden Augen auf ihn und sagte mit dünner Stimme: „Geh’ heim! Grabe nicht!“ Von Furcht gepackt, eilte der Jüngling nach Hause, erzählte aber von dem Zusammentreffen nichts.

Am anderen Tage kehrte ihm der Mut zurück, und da er sich sagte, dass es mit den verborgenen Schätzen seine Richtigkeit haben müsse, beschloss er, noch einmal zur Burg hinauf zu gehen. Aber kaum hatte er die Arbeit des Grabens begonnen, da stand wieder das weiße Männchen vor ihm und seine Stimme klang drohend, als er sagte: „Geh’ heim! Grabe nicht!“ Da ließ der Grandenbörner Hacke und Spaten im Stich und floh eilends davon.

Aber der Wunsch nach den verborgenen Schätzen ließ ihm keine Ruhe, zudem musste er das liegen gelassene Gerät wieder haben, doch weil er sich nicht mehr in der Nacht auf den Burgberg traute, beschloss er diesmal, am hellen Tage auf die Burg zu gehen. Er meinte, das weiße Männchen würde sich am Tage nicht zeigen und nahm deshalb seine Arbeit mit Eifer auf. Als seine Hacke zum dritten Male auf den Boden schlug, fuhr ihm eine kalte Hand über den Rücken. Zum dritten Mal erklang das unheimliche: „Geh’ heim! Grabe nicht!“ Der Grandenbörner wollte sich nicht daran stören, hob den Spaten und wollte weiter graben. Da meinte er, einen Schlag im Gesicht zu spüren, und seine Hände wurden schwer, als seien sie gelähmt. Da ließ er von der Arbeit ab, ging heim, doch als er in seine Haustüre trat, sank er tot zu Boden. Seitdem hat es keiner mehr gewagt, nach den verborgenen Schätzen auf der Boyneburg zu graben.

 

Der Burggeist auf der Boyneburg
(Aus: Hessisches Sagenbuch, Gemeinschaftsausgabe N. G. Elwert’sche Verlagsbuchhandlung Marburg/L. und Georg Westermann Verlag Braunschweig-Darmstadt 1953)

Einst weidete auf der Boyneburg ein Schäfer seine Herde. Da weicht unter seinen Füßen der Boden, und er sinkt tief hinab in unterirdische Gewölbe. Weil er mit seiner Herde nicht heimkehrt, forscht man nach ihm und findet die Schafe zerstreut auf den Bergen und den Hund winselnd an der Öffnung, durch die sein Herr verschwand. Man ruft hinunter, hört die Antwort des Hirten und wirft ein Seil hinab, und mittels desselben gelingt es endlich, ihn wieder auf die Oberwelt zu bringen. Da erzählt er denn, was ihm da unten begegnet sei. „Ich befand mich“, so sagte er, „in weiten unterirdischen Räumen.“ „Da war ein großes Fass, und bei ihm stand zusammengekauert ein Männlein. Ich sprach es an und fragte: Wer bist du und was machst du hier? Dabei trat ich etwas näher zu ihm. Es staunte mich mit starren Blicken an, trippelte furchtsam einige Schritte zurück und lachte nur hihi!“

Einige beherzte Männer ließen sich darauf in das Gewölbe hinab, erreichten auch das Fass und fanden es voll köstlichen Rebensaftes. Auch das Männlein fanden sie dabei; es stand ihnen aber keine Rede und kauerte sich mit dem Hihi ängstlich zusammen. Sie packten und banden es und ließen es am Seil hinaufziehen. Dann verließen sie selber den schauerlichen Ort. Der kleine Gefangene wurde trotz seines Sträubens nach Reichensachsen gebracht, dort eingesperrt und gerichtlich verhört. Allein auch hier ist weiter nichts aus ihm heraus zu bringen, und selbst die Folter vermag es nicht. Darum gibt man ihm zuletzt die Freiheit wieder, folgt ihm aber vorsichtig, um zu sehen, was er beginnen werde. Da trippelt das Männlein in großer Hast nach den Ruinen der Boyneburg und verschwindet auf einmal durch die Öffnung, durch die es heraufgezogen worden war. Seitdem ist auch jene Öffnung wieder verschlossen, und niemand hat eine Spur davon gesehen.

Die weiße Jungfrau - Variation I
(Aus: H. Faber in „Die Boyneburg am Nord-Westrand des Ringgaues; Dr. Heino Flemming, Herleshausen, Werratalverein, Zweigverein Südringgau 1987)

Ein armer Schäfer aus dem nahen Grandenborn weidete eines Tages seine Herde auf der Boyneburg. Da sah er an der Schlosstür eine schneeweiße Jungfrau sitzen. Die hatte ein Tuch ausgebreitet, darauf viele Flachsknotten lagen, die in der Sonne aufklinken sollten. Der Schäfer wunderte sich, an dem einsamen Ort eine Jungfrau zu finden, trat zu ihr und sprach: „Ei, was für schöne Knotten!“ Er nahm ein paar davon in die Hand, betrachtete sie und legte sie wieder hin. Die Jungfrau sah ihn zwar freundlich an, sprach aber kein Wort. Da ward dem Schäfer angst und er trieb, ohne sich noch einmal umzusehen, seine Herde nach Hause.

Es waren ihm aber einige Knollen, als er darin gestanden hatte, in die Schuhe gefallen, die drückten ihn auf dem Heimwege. Da setzte er sich unterwegs hin, zog seine Schuhe aus, um die Knollen zu entfernen. Wie er aber hin griff, fielen ihm fünf oder sechs Goldkörner in die Hand. Er eilte nun zur Burg zurück, um sich noch mehr Knotten zu holen, aber die weiße Jungfrau war mitsamt den Knotten verschwunden. Doch konnte der Schäfer mit dem Golde seine Schulden bezahlen und seinem Hauswesen wieder aufhelfen.

Die weiße Jungfrau auf der Boyneburg - Variation II
(Aus: Karl Gier in „Sagen unserer Heimat“ Eigenverlag 2001, m. w. N.)

Ein armer Schäfer, der all’ sein Hab und Gut verloren hatte und dem am anderen Tag sein Letztes sollte gepfändet werden, weidete an der Boyneburg, zwischen Sontra und Netra, deren Trümmer man von der Eisenacher Straße aus erblickt und sah im Sonnenschein eine weiße Jungfrau am Schlosstore sitzen. Sie hatte ein Tuch vor sich ausgebreitet; darauf lagen Knotten, die an der Sonne aufklinken sollten. Der Schäfer verwunderte sich, an dem einsamen Orte eine Jungfrau zu finden, trat zu ihr hin und sprach: „Ei, was schöne Knotten!“, nahm ein paar in die Hand, besah sie und legte sie wieder hin. Die Jungfrau sah ihn freundlich und doch traurig an, antwortete aber nichts; da ward dem Schäfer angst, so dass er fort ging ohne sich umzusehen und die Herde nach Hause trieb.

Es waren ihm aber ein paar Knotten, als er darin gestanden, in die Schuhe gefallen, die
drückten ihn auf dem Heimwege; er setzte sich also, zog den Schuh ab und wollte sie herauswerfen und wie er hinein griff, fielen ihm fünf oder sechs Goldkörner in die Hand. Der
Schäfer eilte zur Boyneburg zurück, aber die weiße Jungfrau war samt den Knotten verschwunden; doch konnte er sich mit dem Golde schuldenfrei machen und seinen Haushalt
wieder einrichten.

 

Die weiße Jungfrau auf der Boyneburg
(Aus: Karl Gier in „Sagen unserer Heimat“, Eigenverlag 2001, m. w. N.)

Einmal hütete ein Schäfer an der Boyneburg und fand eine schöne, seltene Blume; er steckte sie auf seinen Hut und alsbald erschien ihm eine weiße Jungfrau, die ihm winkte mitzugehen. Der Schäfer gehorchte; da tat sich der Berg vor ihnen auf, und die Jungfrau führte den Staunenden in Gemächer voll kostbarer Schätze und sagte freundlich: „So viel Du davon tragen kannst ist Dein!“ Das ließ sich der Schäfer nicht zweimal sagen; er tat seinen Hut ab, stellte ihn auf die Seite und fing an zusammenzuraffen und wie er alle Taschen voll hatte, machte er sich auf den Rückweg. „Vergiss das Beste nicht!“ rief ihm die Jungfrau nach; aber er dachte eben an nichts Besseres, als an seinen unverhofften Reichtum, und als er wieder ins Freie trat, schlug die Pforte prasselnd hinter ihm zu. Alles war im Nu verschwunden und der törichte Schäfer wieder so arm als zuvor, denn er hatte seinen Hut im Berge liegen gelassen und die Wunderblume damit.

 

Die Blumen auf dem Rittershäuser Grab
(Aus: Karl Gier, „Sagen unserer Heimat“, Eigenverlag 2001, m. w. N.)

Wer von der Boyneburg her über Grandenborn und Renda nach dem einsamen Rittersberg kommt und von dort nach dem Ulfetal hinuntergeht, dessen Fuß schreitet über die Stätte hinweg, wo einst das Dorf Rittershausen lag. Fränkische Ansiedler hatten hier am Abhang der Hochfläche das Dörflein erbaut und eine kleine Ackerflur urbar gemacht. Aber die Lebenskraft des Dorfes war nicht groß, da es an fruchtbarem Ackerboden, an saftigen Wiesen und frischen Quellen fehlte. Seit dem Jahre 1400 liegt das Dorf wüst. Das Volk aber weiß noch mancherlei zu erzählen vom Leben dieses Dorfes und kennt genau die Stätte, wo der Friedhof lag. In jedem Frühling wachsen dort wunderschöne Blumen, wie sie sonst in der ganzen Gegend nicht zu finden sind. Von diesen Blumen erzählt man folgende Geschichte:

Als die letzten Bauern das Dorf verließen, um eine neue Heimat zu suchen, ist es allen schwer gefallen, die Stätte zu verlassen, wo sie gelebt und gelitten und gearbeitet hatten. Besonders der Tochter eines Bauern, die vor kurzer Zeit ihre Mutter verloren hatte, war das Herz gar schwer, als sie Abschied nehmen sollte von dem Grabe, das ihr liebes Mütterlein barg. Voller Angst und Sorgen saß sie tagelang in den stillen Abendstunden auf dem Friedhof am Muttergrab und betete: „Herr Gott, beschütze dieses Grab.“ Dann suchte sie noch an den Tagen vor dem Aufbruch die schönsten Blumen des Waldes und pflanzte sie sorgsam auf das Grab der Mutter. Als sie das Werk der Liebe und Treue vollbracht hatte, sank sie am Grabe auf die Knie und betete: „Lieber Gott, lass die Blümlein alle Jahre wieder blühen an dieser Stätte und lass sie nicht zerstört werden durch Gewalt der Menschen und Tiere, durch Unwetter und Frost, durch den Pflug des Bauern und den Tritt der Pferde.  Da ist es plötzlich licht und klar um sie geworden trotz finsterer Nacht, die hereingebrochen war und eine sanfte, friedensvolle Stimme hat ihr gesagt: „Tröste dich, mein Kind, deine Liebe und Treue soll belohnt werden. Dein Wunsch wird dir erfüllt; deine Blumen sollen jeden Frühling wachsen und blühen und Zeugen sein, dass die Treue an dieser Stätte nicht umsonst geweilt hat.“ So blühen sie noch heute in jedem Lenz und sagen dem Wanderer, der vorübergeht, dass hier
einst der Friedhof von Rittershausen lag, dass Liebe und Treue allein die Zeiten überdauern.

 

Der Hochhäuser Hirte
(Aus: Karl Gier, „Sagen unserer Heimat“, Eigenverlag 2001, m. w. N.)

Hoch oben auf dem Ringgau, zwischen Grandenborn und Renda, lag ehedem das Dörfchen
Hochhausen. Fränkische Siedler hatten hier im 10. Jahrhundert die Flur urbar gemacht, das
Dörfchen gebaut und ihm den Namen „Hochhausen“ gegeben. Hochhausen ist seit dem 16.
Jahrhundert verschwunden, aber die Stätte, wo es gestanden hat, ist den Ringgaubewohnern
heute noch wohl bekannt.

Die Lage auf rauer, unfruchtbarer Höhe, das fehlende frische Quellwasser und die kleine Flur,
die zwischen den Gemarkungen von Renda und Grandenborn eingezwängt lag, zwang die
Bewohner schließlich zur Aufgabe der mühsam erschlossenen Heimatflur. Das aber geschah
in den Tagen, als Thomas Münzers flammende Worte zum Kampf für Freiheit, Brot und
Gerechtigkeit viele Bauernherzen begeisterten und auch die Hochhäuser glaubten, im Gefolge
dieses Propheten die materielle Not zu überwinden. Die Hochhäuser - samt Weib und Kind -
schlossen sich, nachdem sie einen Teil ihrer fahrbaren Habe verkauft und für den Erlös Waffen erstanden hatten, der Thüringer Bauernbewegung an und sind im Strudel des
Bauernkrieges untergegangen, wie viele andere ihrer Leidensgenossen.

Ihr näheres Schicksal ist uns nicht weiter bekannt, aber von einem Hochhäuser weiß die
Überlieferung Näheres zu berichten, dem alten grauhaarigen Dorfhirten, der mit seiner kleinen Schafherde zurückblieb, da er nicht mehr waffenfähig war.

Mit seinem treuen Hunde hütete er noch lange Jahre seine Schafherde und sah als der letzte
Hochhäuser seinem Ende entgegen, vergeblich auf die Rückkehr seiner Dorfgenossen wartend. Die Häuser des Dorfes standen leer und verfielen immer mehr. Bald nisteten die Vögel des Himmels in den Bauernstuben, Ratten und Mäuse gaben sich in den verlassenen
Räumen ein Stelldichein. Wohl blühten im Frühling noch einige Bäume und Blumen in den
von Unkraut überwucherten Gärten, aber allüberall griff der Verfall ohne die pflegliche
Menschenhand um sich. Morgens und abends ging der Hirte noch in das Dorfkirchlein und
läutete das Glöcklein, das klagend über das Grauen der Verlassenheit seine Stimme weithin
hören ließ.

Als aber in Grandenborn schon einen oder zwei Tage lang das Glöcklein nicht mehr gehört wurde, ging man hinüber nach Hochhausen und fand den Hirten tot auf seinem Lager. Zu seinem Haupte saß frierend und zitternd der treue Hund, und die Schafe blökten nach ihrem Hirten. Man trieb die Schafe nach Grandenborn, der Hund aber ließ sich nicht bewegen, sein Wächteramt am Totenlager aufzugeben. Am anderen Mittag begrub man den letzten Hochhäuser auf dem Friedhof, der nun für immer geschlossen wurde. Der Pfarrer von Grandenborn sprach zu den wenigen Leuten, die das letzte Grab in Hochhausen umstanden, über die Worte vom guten Hirten. Er schloss seine Leichenrede mit den Worten: „Nun verlassen wir diese Stätte, wo wir den letzten Hochhäuser begraben haben. Wo einst ein Dorf mit lebenden Menschen gestanden hat, da wird nun ein Platz sein, wo die Zerstörung, der Verfall, der Untergang ist. Ja, die Welt vergeht mit ihrer Last. Wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit“.

So begrub man den letzten Toten von Hochhausen. Noch nach Wochen und Monaten lag der treue Wächter seines Herrn und der Herde auf dem Grabe des Hirten und verließ es nur, wenn er seinen Hunger und Durst stillen wollte. Dann starb auch er.

Wer heute von Grandenborn nach Renda geht und statt der Landstraße den Fußweg abseits benutzt, dessen Fuß schreitet an der Stätte vorüber, wo einst Hochhausen lag. Man sieht kein Haus und keine Mauer mehr, auch das Kirchlein ist verschwunden. Das Glöcklein, so berichtet die Chronik, wurde im Dreißigjährigen Krieg von den Kroaten geraubt, in jener Zeit, als sie auch Grandenborn und Renda (Anm.: auch Datterode) verwüsteten.  Von den Wanderern aber, die in mitternächtlicher Stunde an jener Stätte vorüber gehen, wird berichtet, dass man da ein wimmerndes Heulen wie das eines Hundes vernehme.

 

Der Tod des Postillions
(Aus: Karl Gier, „Sagen unserer Heimat“, Eigenverlag 2001, m. w. N.)

In Datterode erzählte man in geselliger Runde - ehe es Rundfunk und Fernsehen gab - diefolgende Geschichte, von der ich weiß, dass ich mich als Siebenjähriger nachts sehr gefürchtethabe, nachdem ich sie zum ersten Mal gehört hatte. Sie war gewissermaßen damals ein harter„Krimi“: Eines Nachts trabte ein reiterloses Pferd über die Hauptstraße des Ortes. EinigeBurschen, die gerade aus der Spinnstube kamen, fingen es ein.Sie sahen gleich, dass es nicht nach Datterode gehörte, vielmehr erkannten sie in ihm einPostpferd. Wo aber war der Postillion? Den fand man am nächsten Tag ermordet im Feldzwischen Hoheneiche und Datterode. Da es ja noch keine Kriminalpolizei mit ihrenFahndungsmöglichkeiten gab, blieb der Mörder zu Lebzeiten unerkannt.

Die Einwohner von damals konnten nur Vermutungen anstellen, mehr aber nicht. In solchen Fällen beobachten Menschen aufmerksamer ihre Umwelt, das war auch hier in Datterode der
Fall. Dabei fiel allgemein auf, dass ein Bürger scheinbar unter Schlafstörungen litt. Wenn in den Winternächten der Schnee unter den Schuhen knirschte, erschien sein Gesicht hinter dem blau-weißen Rollo. Bald munkelte man hinter vorgehaltener Hand: „Den lässt sein schlechtes Gewissen nicht schlafen.“

Jahre vergingen, und dann geschah etwas, was früher in unseren Dörfern oft gehandhabt wurde: „Das Tauschwerk“ - Altersrente gab es in jener Zeit noch nicht, darum tauschte man das größere Anwesen gegen ein kleineres und ließ sich den Differenzbetrag in Bargeld auszahlen. Von diesem Kapital lebten dann die „Altenteiler“ bis an ihr Lebensende, so auch unser „Schlafgestörter“. Jahre nach dessen Tod nahmen die neuen Besitzer eine Zwischenwand zum angrenzenden Stall heraus, da fand man in Lehm eingemauert Geldtasche und Mütze des toten Postillions. Der Mörder war der irdischen Strafe entgangen, seine Straftat jedoch blieb lebendig über das Grab hinaus.

Blutige Kirmes
(Aus: „Hessische Sagenvon Ulf Diederichs und Christa Hinze, Bechtermünz Verlag 1998)

In Oberkalbach, Eiben und an anderen Orten haben sie die Kirmes verschmissen, d. h. sie haben dermaßen Schmeißereien und Exzesse getrieben, dass ihnen die Kirmes auf immer untersagt wurde. Bei Künzell auf dem Feld liegen neun merkwürdige Steine, da liegen ebenso viele Kirmesburschen begraben. Sie waren auf der Kirmes zu Datterode gewesen; da hatten sie die dortigen Burschen so gereizt, dass sie diese hinaustrieben, verfolgten und endlich bei erneutem Kampf auf jenem Feld totschlugen.

Anm.: In der westlichen Gemarkung Datterodes, nach Wichmannshausen zu, gibt es im Übrigen ein Flurstück, das von alters her im Volksmund immer noch „Schmissicken“ genannt wird.